Pünktlich um zehn Uhr morgens setzt sich das Fuhrwerk von Feldschlösschen in Bewegung. Den schweren Wagen ziehen Diego und Quinto (beide 17), zwei der gesamthaft acht Belgischen Kaltblüter, die bei der Brauerei im Tauschhandel angestellt sind: PS gegen Kost und Logis. Auf dem Kutschbock sitzt der 63-jährige Viktor Stocker, mit 30 Jahren Praxis ein versierter Fuhrmann. Das eingespielte Trio ist unterwegs vom Brauereigelände ins zwei Kilometer entfernte Städtchen Rheinfelden. Drei Mal wöchentlich beliefern sie auf diese traditionelle Weise die Restaurants der näheren Umgebung mit Bier, Mineralwasser und Softdrinks. Wo immer das Gespann vorbeikommt, lächeln ihm die Erwachsenen zu – und die Kinder zeigen Viktor Stocker mit sehnsüchtigen Augen ihre Bewunderung. Dieser grüsst von seinem «Hochsitz» aus wie ein König mal nach links, mal nach rechts. Zwischendurch hält er seine Belgier-Branter an und plaudert kurz mit Passanten. Viktor Stocker arbeitet schon fast sein ganzes Leben lang für die Brauerei Feldschlösschen. 1963, vor 48 Jahren also, begann der Bauernsohn aus dem Fricktal seine Lehre zum Bierbrauer. «Schon damals hat es mich zum Pferdestall hingezogen», sagt er, «schliesslich bin ich mit Rössern aufgewachsen.» Als vor 30 Jahren dann eine Stelle als Fuhrmann ausgeschrieben war, «bewarb ich mich».
Zwei Pferde mit Charakter
Seine tierischen Freunde Diego und Quinto kennt Stocker seit knapp 13 Jahren. Damals kamen die fast unzertrennlichen Halbbrüder aus der Zucht der belgischen Pferdehändlerfamilie Deschildre als 4-Jährige aus Westflandern in die Nordwestschweiz. Dort, im Feldschlösschen-eigenen Stall, lebten sich die zwei sehr schnell ein. Inzwischen machen die fuchsbraunen Belgier mit der hellblonden Mähne und einem Stockmass von 1,70 Meter nicht nur vor dem Fuhrwagen eine gute Figur, sondern auch als Showmen: Quinto, das eher gemütliche denn arbeitswütige Brauereipferd, «befreit» Diego regelmässig vom Zaumzeug, legt seinen Kopf auf den Hals seines Halbbruders oder zupft zur Abwechslung mal einen Stallbesucher an der Jacke. Diego ist ein Komödiant, der Besuchende immer wieder zum Lachen bringt – und ein Gourment. Fressen bedeutet ihm (fast) alles. Klar also, dass er 40 Kilo gewichtiger geworden ist als Quinto und heute mit 980 Kilo der schwerste Brauereimitarbeiter ist.
Fürsorglicher Fuhrmann
«Ein guter Fuhrmann sorgt gut für seine Pferde», sagt Viktor Stocker. Damit meint er nicht nur, dass sie genügend zu essen bekommen: «Ich kontrolliere die Tiere jeden Morgen als erstes, schaue, ob ihr Stoffwechsel normal ist, ob sie zufrieden und dynamisch wirken.» Der Pferdefreund umsorgt seine Zugtiere mit ganzem Herzen, er putzt, wäscht, füttert und krault sie. Aber auch Ausrüstung und Fuhrwagen brauchen Pflege. Dies ist ebenfalls Sache des Fuhrmanns. Kleinere Schäden repariert Stocker eigenhändig. Und er nimmt täglich die Liebe mit – die Liebe zu Diego und Quinto. Denn sie halten mit ihren sechs Artgenossen die Feldschlösschen-Tradition am Leben, eine Geschichte, die 1876 begann. Damals mussten Pferd und Mensch noch richtig krampfen – und das 14 Stunden am Tag: Bis 1912 hatten die Rösser neben dem Fuhrwerk auch Eisenbahnwaggons mit den Rohstoffen zu ziehen. Diese mussten jeweils rund 500 Meter vom Bahnhof Rheinfelden in die Brauerei hochgeschleppt werden. Für den harten Job eines Brauereipferdes braucht es gesunde, robuste Tiere mit belastbaren Gelenken, starken Sehnen und gutmütigem, menschenfreundlichem Charakter. Ein solches Tier hat heute ja auch seinen Preis. Kostete in den Anfangsjahren ein Ross 100 bis 300 Franken, so waren es bei Diego, Quinto und ihren Stallkameraden bereits je 12 000 bis 15 000 Franken. Und sie alle sind Aushängeschilder und zugleich Wahrzeichen schweizerischer Brauereitradition. Besonders bewundert werden die stämmigen Belgier, wenn sie alle gemeinsam den imposanten Sechsspänner ziehen. Der ist mittlerweile einmalig. Ob zu zweit oder zu sechst: Die Pferde kommen weit herum und lernen viele Menschen kennen. «Am Gotthard zum Beispiel haben wir Bundesräte herumkutschiert», sagt Viktor Stocker. Der Fuhrmann wirkt ruhig, gemütlich und heiter. So bleibt er auch, als er sein Gespann zur Auslieferung der Getränke in die engen Gassen des beschaulichen Städtchens Rheinfelden lenken muss. Millimetergenau dirigiert er Diego und Quinto und lässt sie den Fuhrwagen rückwärts einparken. Viktor Stocker erzählt gern, er weiss viel – und er freut sich auf nächstes Jahr. Der Grund? «Dann werde ich pensioniert. Und dann kann ich zu den Pferden kommen, weil ich es will und nicht, weil ich es muss.»Pünktlich um zehn Uhr morgens setzt sich das Fuhrwerk von Feldschlösschen in Bewegung. Den schweren Wagen ziehen Diego und Quinto (beide 17), zwei der gesamthaft acht Belgischen Kaltblüter, die bei der Brauerei im Tauschhandel angestellt sind: PS gegen Kost und Logis. Auf dem Kutschbock sitzt der 63-jährige Viktor Stocker, mit 30 Jahren Praxis ein versierter Fuhrmann. Das eingespielte Trio ist unterwegs vom Brauereigelände ins zwei Kilometer entfernte Städtchen Rheinfelden. Drei Mal wöchentlich beliefern sie auf diese traditionelle Weise die Restaurants der näheren Umgebung mit Bier, Mineralwasser und Softdrinks. Wo immer das Gespann vorbeikommt, lächeln ihm die Erwachsenen zu – und die Kinder zeigen Viktor Stocker mit sehnsüchtigen Augen ihre Bewunderung. Dieser grüsst von seinem «Hochsitz» aus wie ein König mal nach links, mal nach rechts. Zwischendurch hält er seine Belgier-Branter an und plaudert kurz mit Passanten. Viktor Stocker arbeitet schon fast sein ganzes Leben lang für die Brauerei Feldschlösschen. 1963, vor 48 Jahren also, begann der Bauernsohn aus dem Fricktal seine Lehre zum Bierbrauer. «Schon damals hat es mich zum Pferdestall hingezogen», sagt er, «schliesslich bin ich mit Rössern aufgewachsen.» Als vor 30 Jahren dann eine Stelle als Fuhrmann ausgeschrieben war, «bewarb ich mich».
Zwei Pferde mit Charakter
Seine tierischen Freunde Diego und Quinto kennt Stocker seit knapp 13 Jahren. Damals kamen die fast unzertrennlichen Halbbrüder aus der Zucht der belgischen Pferdehändlerfamilie Deschildre als 4-Jährige aus Westflandern in die Nordwestschweiz. Dort, im Feldschlösschen-eigenen Stall, lebten sich die zwei sehr schnell ein. Inzwischen machen die fuchsbraunen Belgier mit der hellblonden Mähne und einem Stockmass von 1,70 Meter nicht nur vor dem Fuhrwagen eine gute Figur, sondern auch als Showmen: Quinto, das eher gemütliche denn arbeitswütige Brauereipferd, «befreit» Diego regelmässig vom Zaumzeug, legt seinen Kopf auf den Hals seines Halbbruders oder zupft zur Abwechslung mal einen Stallbesucher an der Jacke. Diego ist ein Komödiant, der Besuchende immer wieder zum Lachen bringt – und ein Gourment. Fressen bedeutet ihm (fast) alles. Klar also, dass er 40 Kilo gewichtiger geworden ist als Quinto und heute mit 980 Kilo der schwerste Brauereimitarbeiter ist.
Fürsorglicher Fuhrmann
«Ein guter Fuhrmann sorgt gut für seine Pferde», sagt Viktor Stocker. Damit meint er nicht nur, dass sie genügend zu essen bekommen: «Ich kontrolliere die Tiere jeden Morgen als erstes, schaue, ob ihr Stoffwechsel normal ist, ob sie zufrieden und dynamisch wirken.» Der Pferdefreund umsorgt seine Zugtiere mit ganzem Herzen, er putzt, wäscht, füttert und krault sie. Aber auch Ausrüstung und Fuhrwagen brauchen Pflege. Dies ist ebenfalls Sache des Fuhrmanns. Kleinere Schäden repariert Stocker eigenhändig. Und er nimmt täglich die Liebe mit – die Liebe zu Diego und Quinto. Denn sie halten mit ihren sechs Artgenossen die Feldschlösschen-Tradition am Leben, eine Geschichte, die 1876 begann. Damals mussten Pferd und Mensch noch richtig krampfen – und das 14 Stunden am Tag: Bis 1912 hatten die Rösser neben dem Fuhrwerk auch Eisenbahnwaggons mit den Rohstoffen zu ziehen. Diese mussten jeweils rund 500 Meter vom Bahnhof Rheinfelden in die Brauerei hochgeschleppt werden. Für den harten Job eines Brauereipferdes braucht es gesunde, robuste Tiere mit belastbaren Gelenken, starken Sehnen und gutmütigem, menschenfreundlichem Charakter. Ein solches Tier hat heute ja auch seinen Preis. Kostete in den Anfangsjahren ein Ross 100 bis 300 Franken, so waren es bei Diego, Quinto und ihren Stallkameraden bereits je 12 000 bis 15 000 Franken. Und sie alle sind Aushängeschilder und zugleich Wahrzeichen schweizerischer Brauereitradition. Besonders bewundert werden die stämmigen Belgier, wenn sie alle gemeinsam den imposanten Sechsspänner ziehen. Der ist mittlerweile einmalig. Ob zu zweit oder zu sechst: Die Pferde kommen weit herum und lernen viele Menschen kennen. «Am Gotthard zum Beispiel haben wir Bundesräte herumkutschiert», sagt Viktor Stocker. Der Fuhrmann wirkt ruhig, gemütlich und heiter. So bleibt er auch, als er sein Gespann zur Auslieferung der Getränke in die engen Gassen des beschaulichen Städtchens Rheinfelden lenken muss. Millimetergenau dirigiert er Diego und Quinto und lässt sie den Fuhrwagen rückwärts einparken. Viktor Stocker erzählt gern, er weiss viel – und er freut sich auf nächstes Jahr. Der Grund? «Dann werde ich pensioniert. Und dann kann ich zu den Pferden kommen, weil ich es will und nicht, weil ich es muss.»
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