Eigentlich wollte Annina Schenk Floristin werden. Bis sie bemerkte: Sie findet Blumen zwar schön. Mehr aber nicht. Ihr Herz schlug dafür umso heftiger für Pferde im Allgemeinen und für ihre Rappstute Luna im Speziellen. Und da in Annina just zu der Zeit, als es um ihre Berufswahl ging, ein kleiner Rebell steckte, war für sie klar: «Ich will etwas lernen, das nicht jeder macht.» Sprich, die kaufmännische Ausbildung war zu langweilig, das Gymnasium zu spiessig.
Eine neue Lehre entsteht
Heute arbeitet die 19-Jährige bei der Hufschmiede Flückiger und Co. in Münchenbuchsee. Im dritten Lehrjahr steckt die Blondine. 2013 wird sie voraussichtlich eine der Ersten sein, welche nach dem neuen Ausbildungssystem abschliessen werden. Bis anhin lernten Hufschmiede nämlich zuerst Schlosser oder Schweisser oder Schmied und bildeten sich danach in einer einjährigen Lehre weiter. Vor drei Jahren nun hat das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) die Ausbildung komplett neu ausgerichtet und der Zeit angepasst. Der Grund: Heute leben knapp 100 000 Pferde und Ponys in der Schweiz, fast doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Ein Grossteil davon will beschlagen werden. Und zwar nicht irgendwie: Längst ist das Pferd mehr als nur ein Nutztier – es ist Freund, Partner, Sportgerät und Finanzquelle in einem. Neben Freibergern stehen exotische Rassen wie Isländer, Araber, Shire Horses oder Falabellas in Schweizer Ställen. Das alte Handwerk hat sich zu einem neuen, komplexen Berufsfeld entwickelt. «Die Ansprüche sind enorm gewachsen», bestätigt Anninas Chef Beat Flückiger. Für ihn birgt die neue Ausbildung deswegen viele Vorteile. «Es braucht Spezialisten mit einem Gespür für Tier und Mensch», ist er überzeugt.
Was, ein Mädchen?
Flückiger ist Hufschmied mit Leib und Seele. Seit über 20 Jahren hat er sich dem Beschlagen der Pferde verschrieben. Annina ist sein erster Lehrling. Anfangs hatte er Bedenken. «Jemanden auszubilden, bedeutet Verantwortung. Und dann noch ein junges Mädchen in einem Männerberuf. Da hatte ich schon ein komisches Gefühl.» Dies hat sich rasch gelegt. Annina ist voll im kleinen Betrieb integriert, zu dem noch Flückigers Bruder und ein Aufhalter gehören. Ähnlich lief es in der Berufsschule. Auch da hatte Annina mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Buben sagten schon: «Was wollen jetzt die Mädchen da?» Der «Rössli-Effekt» zieht zwar mehr Mädchen an. Von den 17 Lehrlingen, die mit Annina die Ausbildung machen, sind immerhin drei Frauen. Sie sind aber sozusagen die erste Generation, die in den Männerberuf eindringt. Im alten Ausbildungsmodell tendierte der Frauenanteil praktisch gegen null Prozent. Für Annina war die Überheblichkeit der Buben Anreiz: Sie ist Klassenbeste. Und in den überbetrieblichen Kursen, in denen alle Lehrlinge drei Wochen im Jahr zusammen üben, nagelt sie die Männer locker an die Wand. Schnell, aber nicht schnell genug Aufgewachsen im Emmentaler Wasen auf einem Bauernhof, ist Annina es gewohnt anzupacken. Selbstbewusst tritt sie auf. So auch bei Nick, dem Isländerwallach der Familie Flückiger. Geübt löst sie das hintere Eisen mit der Zange. Weicht auch nicht zur Seite, als der 11-Jährige zu zappeln beginnt. Mit der Feile schleift sie den Hufrand ab, schneidet den Strahl mit dem Messer gekonnt aus. Manchmal schaut sie hilfesuchend zu ihrem Lehrmeister. Wartet auf eine kurze Bestätigung. Als es darum geht, das heisse Eisen zu schmieden, wird Annina leise und gibt das Zepter gerne an ihren Chef weiter. «Das mache ich noch nicht so gerne», gesteht sie. Kaum hat Flückiger das Eisen angepasst, kommt wieder Annina zum Einsatz: Schnell schlägt sie die Hufnägel ein. Jedoch nicht schnell genug für Nick. Der Isländer humpelt auf drei Beinen seitwärts gegen die Wand und will das Bein wegziehen. Flückiger legt seine Hand auf die Kruppe und streichelt ihn sanft. «In solchen Momenten bringt es nichts, nervös zu werden», erklärt er. Nach getaner Arbeit kontrolliert Flückiger den Gang, bevor er Nick wieder auf die Weide entlässt. Nick und seine zwei Stallgefährten gehören zu den wenigen Pferden, die Flückiger in der heimischen Schmiede beschlägt. Viel mehr ist er – wie seine Berufskollegen auch – als fliegender Hufschmied unterwegs und fährt in einem umfunktionierten Kleinbus von Stall zu Stall. Dort treffen sie auf die verschiedensten Pferde und Besitzer. «Wir beschlagen von Miniponys bis zum Shire alles», sagt Flückiger. Was Annina am Beruf besonders interessiert, ist der Huf an sich. «Dieser widerspiegelt so viel», betont sie. Wenn Pferde beispielsweise in schlecht gemisteten Ställen stehen, werde der Strahl ganz weich. Auch über Zucht, Charakter und Gesundheitszustand lasse sich viel ablesen. «Der Huf ist das Fundament. Wenn das nicht stimmt, funktioniert nichts.» Anninas Augen glänzen, man sieht ihr die Faszination für die Vierbeiner und den Beruf an. Das braucht es auch. Oft genug gerät sie in gefährliche Situationen, z. B. wenn Pferde nicht still stehen wollen oder Angst haben, das Beschlagen zum Marathon wird oder – noch schlimmer – Pferde, denen selbst die Besitzer nicht trauen, ausschlagen. Geduld mit Ross und Reiter heisst das Schlagwort. «Früher wurde viel mit Gewalt erzwungen. Davon ist man zum Glück weggekommen», sagt Flückiger. Schnell hat ein Hufschmied einen schlechten Ruf und wird gemieden. Kein Beruf fürs Leben Heute seien die Besitzer – auch dank dem Internet – viel besser informiert. Das macht die Arbeit nicht immer einfach. «Man muss den richtigen Ton treffen, genau wie bei den Vierbeinern auch», sagt Flückiger lachend. Gerade die Arbeit mit nervösen Pferden geht an die Nieren. «Wenn ich eine Reihe schwieriger Pferde beschlagen habe, dann sehne ich mich nach meinem Pferd Luna, das einfach still hält», sagt Annina. Ist der Beruf also doch zu hart für ein Mädchen? «Sie müssen sich körperlich schon mehr ins Zeug legen», gibt Flückiger zu. Schnell hat man einen Finger gequetscht, den Huf auf dem Zeh oder einen schmerzenden Rücken nach stundenlangem Hufehalten. «Die Ausbildung selbst ist aber für Mädchen gut machbar.» Zweifel überkommen Flückiger bei den Zukunftsaussichten. Fast keine Frau habe diesen Beruf länger ausgeübt: zu hart, zu viel Verzicht und zu wenig mit Familie vereinbar. Dem stimmt sogar Annina zu. «Im Moment passt es.» Doch sie weiss, dass es nicht ihr Beruf fürs Leben sein wird. Viel mehr träumt sie von einer eigenen Familie mit ihrem Freund, von Kindern. «Ich will eine junge Mami sein.» Das Schmieden will sie dann an den Nagel hängen. Das erlernte Handwerk und die Erfahrung im Umgang mit Pferd und Mensch werden sie aber ein Leben lang begleiten.
text Sarah Forrer
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