Für PferdebesitzerInnen sollte es selbstverständlich sein, ein Leben lang für ihre Pferde zu sorgen. Wer diese Erfahrung machen darf, erlebt den besonderen Charme alter Equiden. Wenn das Pferd in die Jahre kommt, intensiviert sich aber auch die Versorgung. Pferde im Alter können an Hormonveränderungen, Arthrose, Sehschäden, Tumoren, öfter vorkommenden Koliken und/oder Zahnproblemen leiden.
Von Sandra Schaefler, STS-Fachstelle Pferde, Schweizer Tierschutz STS
Wichtig ist, diese Krankheiten rechtzeitig zu erkennen und, wenn immer es möglich und sinnvoll ist, diese zu behandeln. Im August organisierte der Schweizer Tierschutz STS deswegen bei der «Stiftung für das Pferd» in Les Bois einen Workshop zu diesem Thema. Im Maison Rouge leben über 80 Pferde, viele davon sind im hohen Alter. Es referierten die Tierärztin Dr. Päivi de Jesus Maia, die Pferde-Zahnärztin Dr. Ines Zehnder und die Stallchefin Anne-Lise Parrenin.
Möglichst lange Fresszeiten
Die Lebenserwartung des Pferdes ist in vielen Fällen vom Zustand der Zähne abhängig. Die Zähne des Pferdes reiben sich durch das Fressen ab, sie brauchen sich auf. In freier Natur würden Pferde wie Elefanten verhungern, wenn die Energieaufnahme nicht mehr funktioniert. Das Pferd in Gefangenschaft kann weiterleben und lässt sich beispielsweise mit eingeweichten Heucobs ernähren. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass Pferde möglichst lange am Tag mit Fressen beschäftigt sein wollen. Je länger sie fressen, desto mehr kauen sie und desto mehr Speichel produzieren sie. Die Speichelbildung ist eine Voraussetzung für eine gute Verdauung.
Vom Zahnweh bis zu Koliken und Arthrose
Wenn Pferde auf der Weide nicht mehr ausreichend Energie aufnehmen können, muss man sie mehrfach am Tag von der Herde separieren, um sie mit spezieller Nahrung zu füttern. Je grösser die Herde, desto schwieriger ist dies. Nimmt ein Pferd über die Monate kontinuierlich ab, sollte man sich über Zukunft und Wohlbefinden des Tieres Gedanken machen.
Pferdezähne können auch «Gastgeber» von Krankheiten sein wie Karies oder EOTRH (Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis, auf Deutsch: Zahnresorption und Zementwucherung des Pferdes): Letztere führt zu einer starken Entzündung im Kiefer. Es kommt zu extremen Schmerzen und Zahnverlust. Häufig entwickelt sich diese Erkrankung unbemerkt unterhalb des Zahnfleisches und wird erst in einem späten Stadium erkannt. Sie betrifft vor allem die Schneidezähne.
Alte Pferde haben oft Koliken. Eine Kolik ist keine spezifische Krankheit. Sie wird häufig durch einen Dünndarmverschluss ausgelöst, der meist durch einen gutartigen Fett-Tumor verursacht wird. Hier gibt es in der Regel keine andere Möglichkeit, als zu operieren. Ein weiterer Grund ist, dass ältere Pferde das Futter weniger gut zermahlen, da das Gebiss meist schon sehr abgenutzt ist. Zudem fährt ihr ganzes Verdauungssystem im Alter herunter.
Auch Arthrose kommt leider im Alter oft vor. Sie ist eine fortschreitende Schädigung der Gelenkknorpel und der darunterliegenden Knochen. Die betroffenen Pferde leiden unter chronischen Schmerzen. Die Ursachen können übermässige Belastung, Abnützung durch viele Jahre sportlicher Aktivitäten und eine genetische Komponente sein. Die Behandlung erfolgt durch Schmerzlinderung und Verbesserung der Gelenkfunktion.
Akute Hufrehe ist ein Notfall
Die Hufrehe ist eine aseptische Entzündung oder Degeneration der Huflederhaut. Es sind eher Ponys als Pferde betroffen. Eine akute Hufrehe muss dringend behandelt werden. Die Hufrehe zählt zu den wichtigsten und schmerzhaftesten Krankheiten beim Pferd. Die Huflederhaut entzündet sich und löst sich von der Hufkapsel. Eine akute Hufrehe führt unbehandelt zum Tod des betroffenen Pferdes. Sie kann durch zu junges Gras oder Kraftfutter ausgelöst werden und kommt gehäuft im Frühjahr vor. Auch eine mechanische Überbelastung kann zu einer Hufrehe, einer sogenannten Belastungsrehe, führen, beispielsweise wenn das Pferd lange auf hartem Boden steht oder geht. Ebenso sind Übergewicht und die Vernachlässigung der Hufpflege Ursachen für Hufrehe.
Das typische Gangbild von Pferden mit Hufrehe ist die «Rehe-Haltung»: Das Pferd versucht, die Hufe zu entlasten. Sind die Vorderbeine betroffen, lehnt es sich gegen hinten. Weitere Anzeichen sind u. a. unwilliges Vorwärtsgehen, Schmerzen beim Wenden, kurze, staksige Schritte, nur kurzes Abheben der Hufe vom Boden sowie Trachtenfussen und Zehenschleudern. Viele ältere Pferde haben chronische Hufrehe, häufig als Folge des weiter unten erklärten Cushing-Syndroms.
Cushing – weit verbreitet
Eine immer häufiger auftretende Krankheit ist das Cushing Syndrom, eine Stoffwechselerkrankung aufgrund hormoneller Fehlregulation. 15 bis 40 Prozent aller Pferde leiden daran. Auslöser ist eine vermehrte Ausschüttung von ACTH (Adrenocortikotropes Hormon) durch die Hirnanhangdrüse. Heute werden die Pferde älter, deswegen tritt das Syndrom auch öfters auf als früher. Fast alle Pferde der «Stiftung für das Pferd» leiden an Cushing, oftmals ohne sichtbare Symptome. Die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Kortison wird dauerhaft stimuliert. Viele Tiere haben ein verändertes Haarwachstum, auch kann es zu einer Fettumverteilung kommen, so dass ein «Trommelbauch» entsteht. Die vermehrte Kortisonausschüttung führt oft auch zu einer Hufrehe. Cushing kann nicht geheilt werden, aber die Hormone können mit einem Medikament reguliert werden.
Eine weitere vorkommende Krankheit bei alten Pferden ist EMS (Equines Metabolisches Syndrom). Die Entstehung ist nicht ganz geklärt. Es handelt sich um eine chronische Insulin-Resistenz. Durch diese Resistenz kann der Körper keine Glukose (Blutzucker) mehr aus dem Blut aufnehmen. So steigt der Blutzuckerspiegel. Ponys und Esel sind mehr davon betroffen als Pferde. Symptome sind Leistungseinbruch, Übergewicht, akute und chronische Hufrehe und Fetteinlagerungen im Bereich von Mähnenkamm, Schulter, Kruppe und Schweifansatz.
Wenn der Zeitpunkt gekommen ist
Die schwierigste Entscheidung des Pferdebesitzers ist, wann man loslassen soll. Die zentralen Bedürfnisse der Pferde sind möglichst langes Fressen, am liebsten auf der Weide, Bewegung nach dem Motto «wer rastet, der rostet», Sozialkontakt zu anderen Pferden sowie Leid- und Schmerzfreiheit. Wird das Tier im Ausleben seiner Bedürfnisse stark eingeschränkt, kann das Wohlbefinden nicht mehr garantiert werden. Pferde lassen es sich häufig nur schlecht anmerken, wenn sie leiden. Es liegt in der Verantwortung der Besitzer, den Moment zu erkennen und das Pferd in Würde gehen zu lassen. Diese Verantwortung muss leider auch die «Stiftung für das Pferd» trotz ihrer Liebe für jedes einzelne Tier immer wieder wahrnehmen.
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