Sicher haben Sie das auch schon mit Ihrem eigenen Hund erlebt: Manchmal zeigt er ein Verhalten, das so gar nicht zur momentanen Situation passen will. Die Rede ist von sogenannten «Übersprunghandlungen». Was hat es mit diesen auf sich? Und: Was will uns der Hund damit sagen?
Von Silvia Peter Pfister*
Wer in einer Internet-Suchmaschine den Begriff «Übersprunghandlung Hund» eingibt, bekommt einiges zu lesen. Hier Beispiele aus Alltag, Hundeschule und Sport:
- Die elfwöchige «Merla» sieht einen Schneemann, rennt auf ihn zu, stoppt abrupt – dann spurtet sie zurück und springt am Besitzer hoch
- «Orson» wird hergerufen – und muss sich dringendst am After lecken
- «Niccu» wird auf den Behandlungstisch des Tierarztes gehievt – und gähnt
- Kaum ist «Finja» in der Box – leckt sie sich die Vorderbeine oder nuckelt
- Immer wieder trägt «Palo» einen Stecken – und schleppt ihn weite Strecken mit
- Während ich mit dem Nachbarn spreche – sucht sich «Peer» einen Kieselstein, um darauf herum zu kauen
- Nach hundert bis zweihundert Metern auf der Fährte – frisst «Nieve» immer wieder Gras oder Schnee
- Sieht der angeleinte «Flips» einen Velofahrer – beisst er in die Leine
- In der Welpenstunde nach kurzem Spiel – reitet «Omino» bei andern Welpen auf
- «Pic» läuft im Training top Unterordnungen – an Prüfungen mutiert er zum Clown
Verhalten, die gut tun
All dies nennt man Übersprungverhalten. Im ersten Beispiel springt Welpe «Merla» vom ursprünglichen Funktionskreis der Neugierde über in den des Sozialkontaktes. Übersprungverhalten besteht aus Verhalten, das normalerweise in einem andern Zu- sammenhang auftritt. Meist handelt es sich um Verhalten aus den Bedürfnisbereichen der Körperpflege, der Nahrungsbeschaffung und -aufnahme, der Sicherheit, des Sozialkontaktes, der Sexualität, des Spiels, der Neugierde oder der Ruhe.
All diesen Verhalten ist gemeinsam, dass sie gut tun. Sie sind selbstbelohnend. Der Körper tut sich im Konfliktfall etwas Gutes aus einem andern, in diesem Kontext nicht passenden Bereich. Das Tier oder der Mensch springt über in ein Verhalten, das quer in der Landschaft steht.
Verbote verstärken den Konflikt
Übersprungverhalten entsteht in einem Konflikt und zeigt an, dass ungute Gefühle aufgekommen sind. «Merla» interessiert sich für das weisse Ungetüm, möchte es erkunden, ist hin und her gerissen zwischen Neugierde und Unsicherheit. Um den Konflikt erträglich zu machen, spurtet sie zurück und springt am Besitzer hoch. Dem Hund Übersprungverhalten zu verbieten, hilft nicht. Dies verstärkt nur den zugrunde liegenden Konflikt, weil jetzt neben dem ursprünglichen Konflikt noch die Verunsicherung durch den Besitzer dazukommt.
Besser: Situation anders angehen
Nehmen wir das Übersprungverhalten doch als deutlichen Hinweis darauf, dass wir eine Situation anders angehen sollten. «Merlas» Konflikt wird gelöst, indem der Hundehalter zum Objekt des Interesses hingeht, ohne mit Leckerchen zu locken. Der Welpe soll sich mit dem Schneemann auseinandersetzen, die Distanz selbst wählen und so seinem Besitzer vertrauen lernen. Zeit, Humor und Ruhe helfen.
Übersprungverhalten ist uns lästig bis peinlich. Darum wird es oft abgestraft, was nur die Symptome bekämpft, aber nicht den verursachenden Konfliktzustand löst. Zwangsläufig wird der Hund über kurz oder lang ein anderes Übersprungverhalten zeigen, sich auflehnen, verweigern oder krank werden. Die Lösung liegt darin, den darunterliegenden Konflikt zu suchen, zu finden und zu lösen. Damit verschwinden auch die Übersprunghandlungen.
Abruf positiv verknüpfen
Nehmen wir das Beispiel «Orson». Er wird hergerufen und muss sich dringendst am After lecken. Hergerufen werden ist für «Orson» konfliktbeladen. Typische Gründe wären, dass er beim Herkommen am Geschirr gezogen und an die Leine genommen wird, der Spaziergang zu Ende geht und er nicht mehr mit seinem Kumpel spielen kann. Hilfreich wäre, dass «Orson» oftmals fröhlich hergerufen, belohnt und wieder frei gelassen wird. So würde das Gerufen-Werden mit positiven Gefühlen verknüpft und «Orson» kriegte keinen Leckanfall mehr.
«Niccu» ist es auf dem Behandlungstisch nicht wohl. Er wird festgehalten, fremde Menschen kommen ihm zu nahe und betasten ihn. Hier hilft Behandlungstraining. Zu Hause werden alle Teile des Vorgehens in kleinsten Schritten geübt und der Hund von vertrauten Personen damit bekannt gemacht. Das kann man auch ritualisieren, beispielsweise immer nach Ihrem Mittagessen während zwei Minuten. «Niccu» soll gute Gefühle haben dabei. Danach wird er belohnt. Informationen finden Sie im Internet zum Beispiel unter «medical training» und «bucket game».
Häufig ist weniger mehr
In der Box leckt sich «Finja» ohne Ende. Dorthin muss sie, wenn sie nach dem Spazieren keine Ruhe findet. Grund ist der erhöhte Erregungslevel durch Spaziergänge mit zu vielen Eindrücken, zu viel Aktion oder schlicht zu langem Draussensein. Lecken beruhigt und wird zum Selbstläufer. Das «Ewige-Gepflotsche» aber ist unaushaltbar, zudem leckt sie sich wund. Verbieten es die Besitzer, hört sie auf, hat danach jedoch Durchfall. Abhilfe schaffen entschleunigte, ruhige, kurze Schnüffelspaziergänge und etwas zum Knabbern nach dem Nachhausekommen.
Und «Palo» und seine Stecken? Tragen beruhigt genauso wie Lecken oder Nuckeln. Diese Variante belustigt uns Menschen oftmals und wird, da nicht sehr störend, nicht als Konflikthandlung wahrgenommen. Wenn es dem Hund hilft und uns nicht stört, kann man ihn gewähren lassen. Vielen Hunden hilft ein «Nuggi» in Form eines gefüllten Preydummys oder Balls. Trotzdem würde es dem Hund dienen, wenn man nach dem darunterliegenden Grund Ausschau hielte, wie etwa zu viele Reize auf dem Spaziergang, schwierige Hundebegegnungen oder Ängste.
Kauen entspannt
Kieselsteine kauen hilft «Peer» beim Ausharren, wenn die Besitzerin mit Menschen spricht. Auch Kauen beruhigt. Fällt einem Hund das Ausharren schwer und lässt es sich auch nicht auftrainieren, so hilft es, wenn man ihnen etwas zum Kauen anbietet, das man für den Fall der Fälle mitnimmt. Denn Kieselsteine sind nicht ideal.
Bei Hunden wiederum, die wie «Nieve» in der Arbeit zu grasen beginnen, ist entweder die Arbeit zu schwierig, der Druck des Besitzers zu stark oder die Fährte zu lang und der Futterabbau zu schnell vollzogen worden. Zurück auf Feld eins und kleinschrittiger trainieren, so dass der Hund wieder Freude und Sicherheit findet.
«Flips» tut sich seit Welpenzeit schwer mit Velofahrern. Früher wollte er fliehen. Heute
beisst er in die Leine. Wenn es arg kommt, schüttelt er sie. Der Konflikt heisst Angst, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht. «Flips» braucht mehr Sicherheit. Diese aufzubauen hat also erste Priorität, bei Bedarf kann man dafür einen Trainer oder Verhaltensberater beiziehen.
Immer wieder zu sehen in Welpenstunden ist das Aufreiten, nicht nur bei «Omino». Mit Sex hat das Aufreiten der Welpen aber nichts zu tun. Auslöser ist meist zu langes, zu heftiges, zu raues Spiel. Die Lösung liegt in kürzeren Spielphasen mit passendem Spielpartner. Auch hilft es, wenn die Welpen aus der Ruhe heraus frei gelassen werden, nicht zu viele zusammen spielen und das Spiel nur solange dauert, wie sie noch fit sind.
Herumalbern für gute Stimmung
«Pic» übertrifft an Prüfungen jeden Clown. Unglaublich. Die Hundeführerin schämt sich, ärgert sich und fühlt sich von ihm veräppelt. Was ihr Hund tut, nennt man im Englischen «fiddle about», herumalbern, und ist reine Konfliktreaktion. Er spürt die Nervosität der Besitzerin und versucht sie mit clowneskem Verhalten freundlich zu stimmen, leider ohne Erfolg. Helfen würde ihm eine Besitzerin, die in sich ruht. Der Besitzerin könnten dabei ein Coaching oder Mentaltraining helfen.
Schütteln am Ende eines Konfliktes
Sich schütteln zeigt das Ende eines Konfliktes an. Schüttelt sich der Hund, ohne nass oder schmutzig zu sein, ist es Übersprungverhalten und ein deutliches Zeichen, dass unmittelbar vorher etwas nicht stimmig war. Sehen Sie, dass Ihr Hund sich immer wieder in der gleichen Situation schüttelt, gehen Sie auf Ursachensuche. Was gerade zuvor war nicht in Ordnung für ihn? Wenn Sie es schaffen, die Situation so zu verändern, dass sie stimmig wird für Ihren Hund, muss er keine Spannung mehr abschütteln – Sie haben verstanden, was er sagt. Und einen glücklicheren Hund.
*Zur Autorin: Silvia Peter Pfister ist in der Kommission «Polydog» der SKG zuständig für «SpassSport», ist Vizepräsidentin im Verein «Bunter-Hund», Dozentin in der ATN und führt eine eigene Hundeschule.
Auf dem Bild: Gähnen oder an Kieselsteinen nuckeln sind Übersprungshandlungen. © Can Stock Photo / catolla
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