Grossauflage 2026

Die Geschichte der Pferdedomestikation ist voller Mythen. Lange galt die Vorstellung, dass Menschen Pferde erst nach 2200 v. Chr. wirklich gezähmt, geritten und gezielt gezüchtet haben. Eine neue Studie aus Science Advances zeichnet jedoch ein deutlich komplexeres und spannenderes Bild: Reiten, Melken und Pferdehaltung begannen viel früher – und an mehreren Orten gleichzeitig.

Domestikation war kein einzelner Moment

Die Studie zeigt, dass Pferde schon im 4. Jahrtausend v. Chr. in verschiedenen Regionen Eurasiens genutzt wurden – lange bevor die bekannten genetischen Mutationen auftauchten, die später das moderne Hauspferd prägen sollten. Menschen:

  • ritten Pferde regelmässig
  • melkten Stuten
  • hielten grosse Herden
  • integrierten Pferde in Rituale und Bestattungen

Das widerspricht der bisherigen Annahme, dass erst genetische Veränderungen im GSDMC‑ und ZFPM1‑Gen die Domestikation ermöglicht hätten.

Drei frühe Pferdelinien – alle wurden genutzt

Die Forschenden unterscheiden drei Linien:

  • DOM1: Botai‑Pferde (Kasachstan) – gemolken, gehalten, vermutlich geritten
  • DOM2: Yamnaya‑Pferde – direkte Vorfahren aller heutigen Hauspferde
  • DOM3: Europäische Pferde – unabhängig gemanagt und teilweise domestiziert

Alle drei Linien zeigen klare Hinweise auf frühe Nutzung und Kontrolle durch den Menschen.

Yamnaya: Die ersten Reiter Europas

Besonders spannend: Die Yamnaya‑Kultur (ca. 3200–2600 v. Chr.) war mobil, weit wandernd und ritt Pferde regelmässig. Nachweisbar durch:

  • typische Reiter‑Skelettveränderungen bei Menschen
  • Pferdemilch‑Proteine in Zahnstein
  • Pferdeknochen in Gräbern
  • genetische Daten, die zeigen: Yamnaya‑Pferde sind die direkten Vorfahren unserer heutigen Hauspferde

Damit wird klar: Reiten war bereits vor 3000 v. Chr. verbreitet – und spielte eine zentrale Rolle für die grossen Wanderbewegungen jener Zeit.

Warum setzte sich DOM2 später durch?

Zwischen 2700 und 2100 v. Chr. kam es zu einem genetischen «Flaschenhals»: Pferde mit besseren Eigenschaften – mehr Ausdauer, ruhigeres Temperament, bessere Reitbarkeit – wurden bevorzugt gezüchtet. Diese DOM2‑Pferde verbreiteten sich rasch über Eurasien und verdrängten andere Linien.

Was bedeutet das für unser Verständnis?

Die neue Studie zeigt:

  • Domestikation war ein langer Prozess, kein einzelner Startpunkt.
  • Menschen ritten Pferde Jahrhunderte früher, als bisher angenommen.
  • Mehrere Pferdelinien wurden parallel genutzt.
  • Kultur, Nutzung und Haltung waren genauso wichtig wie Genetik.
  • Die Yamnaya‑Reiter spielten eine Schlüsselrolle für die spätere Verbreitung des Hauspferdes.

Warum ist das für heutige Pferdehalter spannend?

Weil es zeigt, wie früh und wie vielseitig Pferde in der Menschheitsgeschichte eingesetzt wurden. Sie waren:

  • Reittiere
  • Milchtiere
  • Transporttiere
  • Herdentiere
  • Ritualtiere

Und all das lange vor der genetischen Optimierung, die wir heute kennen.

Originalquelle

Der vollständige wissenschaftliche Artikel ist frei zugänglich: «Horse genetics, archaeology, and the beginning of riding» https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13170673

Foto: T. Schunke / H. Arnold / J. Lipták, State Office for Heritage Management and Archaeology Saxony‑Anhalt. Reproduziert mit Genehmigung des Verlags. Quelle: Science Advances (2026), CC BY 4.0.

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