Ein zufriedenes Reitpferd trägt, schwingt, atmet – und bleibt gerne bei der Sache. Ein überfordertes oder gestresstes Pferd spannt an, weicht aus, schaltet innerlich ab. Im Sattel entscheidet sich im Minutentakt, ob wir Partner oder Risiko fürs Pferd sind – und umgekehrt. Eine neue Übersichtsarbeit im «Journal of Equine Veterinary Science» geht der Frage nach, welche Faktoren das Wohl des gerittenen Pferdes besonders beeinflussen – und plädiert dafür, im Zweifel konsequent zugunsten des Pferdes zu entscheiden.
Text: Eva Lima

Foto: Pavel Bak
Was das gerittene Pferd wirklich belastet
Die Review bündelt aktuelle Erkenntnisse zu Belastungen rund ums Reiten: körperlich, mental und im täglichen Management. Deutlich wird, dass viele Probleme nicht in «dem einen Moment im Viereck» entstehen, sondern sich aus Haltung, Training, Ausrüstung und Reiterfaktoren aufsummieren.
Belastungsquellen sind unter anderem:
- Unpassende oder schmerzende Ausrüstung: Zu enge Nasenriemen, stark einwirkende Gebisse, drückende Sättel, schlecht gepolsterte Gurte.
- Einseitiges oder überforderndes Training: Zu wenig Aufwärmen, zu wenig Pausen, viel Wiederholung schwieriger Lektionen, fehlende Gymnastizierung.
- Reiterliche Einwirkung: Unruhige Hände, Sitzfehler, mangelnde Balance, widersprüchliche Hilfen, zu hoher Druck.
- Haltung und Management: Zu wenig freie Bewegung, mangelnder Sozialkontakt, Fütterung mit langen Fresspausen, latente Schmerzen (z.B. Rücken, Hufe, Magen).
Die Quintessenz: Das gerittene Pferd ist nicht nur im Moment der Lektion belastet, sondern trägt die Summe unserer Haltungs- und Trainingsentscheidungen mit.
Der «Vorsorge-Grundsatz»
Spannend an dieser Arbeit ist, dass sie den sogenannten Vorsorge-Grundsatz («precautionary principle») aus anderen Bereichen auf den Reitsport überträgt. Stark vereinfacht heisst das:
Wenn wir nicht sicher wissen, dass etwas fürs Pferd unbedenklich ist, sollten wir so handeln, als könnte es schaden – und es lieber lassen oder anpassen.
Das betrifft z.B.:
- sehr enge Hilfszügel oder Nasenriemen
- extreme Kopf-Hals-Positionen
- sehr hohe Trainingsumfänge oder Turnierdichte
- Ausrüstungstrends, deren Langzeitwirkung auf das Pferd kaum untersucht ist
Drei Ebenen, auf denen wir ansetzen können
Die Review macht deutlich, dass Pferdewohl unter dem Sattel nie nur eine Frage von «gut reiten» oder «gut halten» ist – es braucht das Zusammenspiel mehrerer Ebenen.
- Pferd
- Gesundheitszustand, Exterieur, Temperament, Ausbildungstand, Erfahrung, Alter.
- Ein junges, empfindsames oder körperlich eingeschränktes Pferd braucht andere Anforderungen als ein routinierter Senior.
- Reiter:in
- Sitz, Balance, Einwirkung, Fitness und mentale Verfassung des Menschen
- Studien zeigen: Schlechte Reiterbalance und mangelnde Fitness erhöhen das Risiko für Rückenschmerzen und Rittigkeitsprobleme beim Pferd.
- System
- Stallkultur, Trainingsphilosophie, Druck aus Sport, Umfeld und Social Media.
- Wie viel «Leistung» wird erwartet – und wie stark ist das Bewusstsein, dass Wohlbefinden die Basis dafür ist?
Konkrete Praxisimpulse für Reiter:innen und Trainer
Die Arbeit präsentiert keine neue Reitlehre, schärft aber unseren Blick – und genau daraus lassen sich sehr konkrete Schritte für den Alltag im Sattel ableiten.
- Reiten mit «Vorsorge-Brille»
- Im Zweifel nach dem pferdefreundlicheren Weg suchen: etwas weniger Druck, etwas mehr Pause, eine Stufe simpler in der Lektion.
- Ausrüstung, die nur mit Kraft «funktioniert», kritisch hinterfragen.
- Reiter als mitverantwortlicher «Athlet»
- Eigene Fitness, Beweglichkeit und Balance gezielt trainieren – nicht nur das Pferd «fit reiten».
- Sitzschulung als regelmässige Pflege-Massnahme sehen, nicht als Luxus.
- Wohlbefinden sichtbar machen
- In Unterricht und Beritt nicht nur Lektionen, sondern auch Mimik, Atmung, Schweif, Takt und Bereitschaft des Pferdes kommentieren.
- Reitschülerinnen für feine Stresssignale sensibilisieren (z.B. verspannte Oberlinie, Mahnen, Kieferklemmen).
- Belastung dosieren
- Training so planen, dass es einen roten Faden hat: Aufwärmen – fordern – lösen, mit «Ausatmen» zwischendurch.
- Turnierplanung mit Regenerationsphasen kombinieren, insbesondere bei langen Anfahrten oder anspruchsvollen Böden.
- Stallkultur entwickeln
- Im Stallteam offen über Wohlbefinden sprechen: «Wie fühlt sich das Pferd an?» wird zur genauso wichtigen Frage wie «Welche Wertnote gab es?».
- Junge und ambitionierte Reiter ermutigen, auch mal «nein» zu sagen, wenn etwas deutlich gegen ihr Bauchgefühl geht.
Vom Reitprogramm zur Beziehungen
Die vielleicht wichtigste Botschaft der Review: Gutes Reiten misst sich nicht daran, wie spektakulär eine Lektion aussieht – sondern daran, wie gut das Pferd sich im und nach dem Reiten fühlt.
Wer den Vorsorge-Grundsatz ernst nimmt, verschiebt seinen Fokus: weg vom schnellen «höher, weiter, mehr Ausdruck» hin zu Fragen wie:
Würde ich mir wünschen, dass jemand so mit mir reitet, wenn ich das Pferd wäre?
Wenn die ehrliche Antwort regelmässig «ja» lautet, bist du dem Geist von «Riding with Care» sehr nahe.
Jeden Donnerstagabend erhalten Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
ausgewählte Artikel sowie die nächsten Veranstaltungen bequem per E-Mail geliefert.


