Der Text spricht mir aus der Seele

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Wolfgang Marlie (81), seit mehr als 60 Jahren Ausbilder für Pferde und ihre Menschen in Scharbeutz an der Ostsee, über den Artikel «Wie schlau ist dein Pferd?» von Christoph Meier, Kavallo 10/2020.

Der Text spricht mir aus der Seele. Besonders die Hinweise da rauf, dass es nur eine absolute Wahrheit gibt: nämlich die, dass es solche Wahrheiten eben nicht gibt. Diese Aufgeschlossenheit, diese ständige Neugier, die der Text betont, deckt sich mit meiner momentanen Ansicht «Intelligenz ist auch das, was du daraus machst». Und er erinnert mich sehr an den für mich bis heute wichtigsten Schweizer Pferdekenner: Fredy Knie senior. Für mich ist der ehemalige Chef des Schweizer Nationalcircus’ das Paradebeispiel eines echten Rösselers, wie Meier ihn hier beschreibt.

In den 1970er-Jahren gab es im deutschen Fernsehen einen Film über seine Arbeit mit Pferden im Zirkus. Ich war damals um die 30 Jahre alt und sah zum ersten Mal, dass ein Mensch durch seine blosse Anwesenheit in einer Herde von freilaufenden Hengsten die Führungsrolle übernehmen kann. Da rangeln acht oder zehn Hengste in der Manege, beissen und keilen nacheinander. Dann betritt Knie, in dem Beitrag wird er als «Leithengst» bezeichnet, die Bahn: Mit akustischen Signalen sorgt er binnen einer Minute für Ordnung und sortiert die Gruppe so, dass alle Pferde, sie tragen Leibchen mit Nummern, in der richtigen Reihenfolge im Kreis traben. Und das war noch nicht alles: Er konnte seine Hengste einzeln zu sich in die Mitte rufen und ich hatte als Zuschauer das Gefühl, die Pferde lauerten geradezu voller Vorfreude da­rauf, zu ihm kommen und sich ein Leckerli abholen zu dürfen. Heute ist so etwas bei vielen Reitern und auch im Unterricht auf meinem Hof Gang und Gäbe, aber damals? In den 1970er-Jahren? Allein schon die Tatsache, dass die Pferde nicht an der Longe waren, glich für mich einer Revolution: In Warendorf und in der Landesreit- und Fahrschule Münster hatte ich gelernt, dass man ritt, longierte oder allenfalls vor dem Aufsitzen ein paar Runden mit dem Pferd spazierenging. Letzteres propagierte der damalige Trainer von Olympiasieger Dr. Rainer Klimke, Paul Stecken, und galt damit schon als Exot.

Knie ging noch weiter: Freiarbeit, die hohe Schule vom Boden, Ausritte ohne Sattel in der freien Natur … Dabei hiess es doch immer, wer sein Pferd nicht durchs Genick reiten könne, habe im Gelände nichts verloren. Es sei lebensgefährlich, es nicht an den Hilfen zu haben. Bei Knie sah ich das Gegenteil: in einem Fluss planschende Pferde, auf ihren blanken Rücken junge Leute in Badekleidung, neben ihnen paddelten Hunde … So viel Spass wollte ich auch und begann, Knies Arbeit mit meinen Schulpferden auszuprobieren: das Freilaufen, das Hereinrufen und Füttern, die Rolle als menschliches Leittier.

Ich bin dem alten Circusdirektor bis heute dafür dankbar, dass er meine Neugier angeregt hat, dass er mir durch sein Vorbild quasi die Erlaubnis gab, ausgetretene Pfade zu verlassen und nach Freude, Abwechslung und An­regung für Mensch und Tier zu suchen. In einer davon geprägten, entspannten Atmosphäre ist dann auch Platz, um deren Intelligenz zur Entfaltung zu bringen.

Anfang der 1990er-Jahre traf ich ihn persönlich. Klaus Ferdinand Hempfling stellte seine damals ebenfalls revolutionäre Arbeit mit Pferden im Reitinstitut von Neindorff vor. Knie gehörte zu den extra angereisten Experten, die diese Arbeit bewerten sollten. Ich sass neben ihm auf dem Podium und während seine Vorredner allesamt Kritik an der Arbeit Hempflings äusserten, lud Knie den jungen Kollegen zu sich in die Schweiz ein: «Ich finde es bemerkenswert, was Sie hier zeigen, und würde mich freuen, mit Ihnen gemeinsam zu arbeiten.»
Wir haben die Frage gestellt: „Wie schlau ist dein Pferd?“ Ich glaube, wenn es bei Rösselern sein kann, die Spass daran haben, es neugierig auf Menschen und die Arbeit mit ihnen zu machen, kann jedes Pferd seine natürliche Intelligenz entfalten. Dabei zählen für mich weniger technische Fähigkeit, als vielmehr die Begeisterung und Zuneigung, die jemand für sein Pferd empfinden kann. Danke an Christoph Meier für die Erkenntnis, dass der Umgang mit unseren Pferden mit einer «offenen Einstellung viel spannender bleibt».Man könnte auch sagen, dass er damit viel mehr Spass macht.

Wolfgang Marlie, Scharbeutz

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