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Spitzensport mit Pferden – ja oder nein?

Spitzensport mit Pferden – ja oder nein?

Dies ist das Wortgefecht aus dem Kavallo-Magazin 3/2020: Auseinandersetzungen, Debatten, Diskussionen sind Markenzeichen einer Demokratie mit Meinungsäusserungsfreiheit. Wir möchten in dieser Rubrik in jeder Ausgabe entgegengesetzte Ansichten aufeinanderprallen lassen. Ziel ist es, jeweils für beide Sichtweisen Verständnis zu entwickeln und dabei die eigene Haltung kritisch zu überprüfen. Das Wortgefecht leitet jeweils Christoph Meier.

Nein: Céline Lüdi (CL), Freizeitreiterin, TPA, lizenzierte Dualaktivierungstrainerin Weiterbildung in Equikinetik, Longe walking, Equi Classic Work, Equiplace, Löhningen/SH

Spitzensport mit Pferden – ja oder nein?

Céline Lüdi mit Tarantino  bei der Equi Classic Work

Ja: PD Dr. med. vet. Dominik Burger (DB), Chef Elitekader Concours Complet des SVPS, Pferdetierarzt und Forscher, ISME Avenches

Spitzensport mit Pferden – ja oder nein?

Dominik Burger mit Trésor de Chignon unter Caroline Gerber vor dem abschliessenden Springparcours an der EM 2019

Seit Urzeiten bedienen sich die Menschen der Tiere, die sie für geeignet halten, zu allen möglichen Zwecken. Als Nahrungsmittel, zur Hilfe bei der Arbeit, als Transportmittel, zur Unterhaltung, aus purer Neugier zum Anschauen – oder um Sport mit ihnen zu treiben. Wie stellt ihr euch zu diesem Umgang mit den Mit-Lebewesen?

CL: Lustigerweise war dies damals mein Maturthema. Meine Meinung ist noch immer dieselbe. Ich halte nichts davon, Tiere als Lebensmittellieferanten einzusetzen, weiss aber, dass dies in anderen Kulturen überlebensnotwendig ist. Da Pferde nur noch selten in der Landwirtschaft eingesetzt werden, sprechen wir beim Arbeitsbereich wohl eher von heilpädagogischem Reiten etc. Hier sehe ich den überaus wichtigen Nutzen für die Menschen sehr wohl und unterstütze dies in normalem Masse. Wofür ich in keinster Weise Verständnis habe, ist die Unterhaltungsbranche. Pferde haben weder beim Touristenreiten, im Zirkus noch im Karussell etwas verloren. Doch gehört der Sport nicht auch irgendwie zu diesem Spassfaktorzweig? Wo wird hier die Grenze gezogen? Egal in welchem Bereich Pferde eingesetzt werden, die Tiere sollen fair und ihrer Art entsprechend behandelt werden. Dazu gehört auch die körperliche Verfassung der Mit-Lebewesen.

DB: Tatsächlich werden Pferde schon seit rund 5000 Jahren vom Menschen für verschiedene Zwecke genutzt. Gleichzeitig fand eine Selektion zugunsten der entsprechend benötigten Eigenschaften statt und es erfolgte eine gewisse (aber nicht vollständige) Domestikation dieses Flucht- und Herdentieres. Ich erachte die Nutzung von Pferden als absolut legitim, sofern sie fachgerecht erfolgt. Immer häufiger ist heute aber zu beobachten, dass Pferde mehr und mehr dem Menschen gleichgesetzt werden, inklusive deren Verhalten und Bedürfnisse. Somit werden in der Haltung und Nutzung immer wieder falsche Rückschlüsse gezogen, was für das Wohl der Tiere – obwohl gut gemeint – eher kontraproduktiv ist und zu gesundheitlichen Schäden führen kann.

Ihr haltet beide Pferde, also sagt ihr nicht grundsätzlich nein zur Arbeit mit Pferden, sonst müsstet ihr sie ja in freier Wildbahn lassen. Aber welche Art von Arbeit mit Pferden findet ihr ok und warum?

CL: Mit der freien Wildbahn ist das so eine Sache. Unsere Pferde sind nun mal domestiziert und brauchen ein Zuhause. Alle meine Tiere sind ‘Überschussware’, welche für den ‘Otto-Normalverbraucher’ nicht mehr funktioniert haben und einen Platz zum Leben brauchten. Ich arbeite mit den Pferden oft vom Boden aus, sei es in der blau-gelben Welt als Geitner-Trainerin, mit der Doppellonge, Geländesprünge an der Hand oder was einem sonst noch so einfällt. Dies soll nicht heissen, dass ich nicht gerne reite, im Gegenteil. Aber da meine Pferde körperliche Beschwerden haben, klar durch falschen Gebrauch und Nutzen der Menschen, ist dies nun für mich eine super Methode, die Pferde zu trainieren. Immer mit dem Ziel der Gesunderhaltung der Pferde.

DB: Pferde sind evolutionsbiologisch gesehen von Natur aus Topathleten und mit der Selektion in den meisten Rassen wurde erreicht, dass sie ‘gebraucht’ werden dürfen, ja sollen! Früher musste geforscht und gelehrt werden, wie Überforderung vermieden werden kann – heute ist fast das Gegenteil der Fall und wahrscheinlich ¾ der Pferde in der Schweiz sind übergewichtig. Aber Falschbelastung und Unterbeschäftigung von Pferden sind medizinisch und mental nicht unbedeutender als Überbelastung. Bei jeglicher Form von Nutzung des Pferdes ist es unabdingbar, dass sie fachgerecht erfolgt und das Wohlergehen der Pferde an erster Stelle steht. Um abzuschätzen, welche Nutzung individuell für ein Pferd am passendsten ist, müssen Faktoren wie die Genetik des Pferdes und dessen Phänotyp mit einbezogen werden. Eigentlich sollten wir die Pferde im Fohlenalter fragen können, für was sie prädestiniert sind. Dies würde viele gesundheitliche Schäden und viel Frust vermeiden.

Ist Spitzensport mit Pferden ok – wenn ja, was spricht dafür? Wenn nein, was spricht dagegen?

CL: Spitzensport ist in meinen Augen weder für die Menschen noch für die Tiere gesund. Oder wieso scheitern so viele auf dem Weg an die Spitze oder sind nach ihrer Karriere ein Wrack? Was man dem Körper im Spitzensport abverlangt, kann nicht gesund sein. Nicht in diesem Ausmass. Die Überbelastung, allenfalls die Fehlbelastungen fordern irgendwann ihren Tribut. Meist früher, als einem lieb ist. Hinzukommt der wahnsinnige Ehrgeiz der Reiter, die, wenn es sein muss, jedes Pferd austauschen, wenn es nicht funktioniert. Dies soll nicht heissen, dass ich für die Schaukelfraktion der Reiter bin. Diejenigen, welche die ganze Woche keine Zeit haben und dann am Wochenende fünf Stunden, am besten ohne Sattel, durchs Gelände gondeln und ihre Pferde schön ungesund und untrainiert latschen lassen, verschleissen ihre Pferde genauso. Die goldene Mitte ist hier gefragt. Den Fokus auf das Pferd gerichtet.

DB: Ja, Spitzensport mit Pferden ist prinzipiell vertretbar. Moderne, selektionierte Pferde aus Leistungszuchten sind Top-Athleten; sie tolerieren die Reiterei sehr gut und häufig habe ich sehen dürfen, wie sie regelrecht aufblühen, wenn sie gut gearbeitet werden. Sie machen ihren Job gerne, und Erfolge im Sport und im Speziellen mit Pferden können niemals erzwungen werden. Aus unseren tierärztlichen Erfahrungen sind Freizeit- und Basissportpferde überhaupt nicht gesünder als solche im Spitzensport, die ‘Berufskrankheiten’ der einzelnen Sparten sind einfach unterschiedlich. Ich kenne sehr viele alte Pferde aus dem Spitzensport, die kerngesund auf einer Altersweide stehen. Auch hat eine eben veröffentlichte wissenschaftliche Studie des ISME bei Pferden in der Schweiz (Sauer et al., PLoS ONE, 2019) gezeigt, dass Spitzenpferde bezüglich ihrer Anforderungen nicht mehr Stress aufweisen als ‘Amateurpferde’. Zum Schutz der Pferde im Spitzensport dienen zudem obligatorische Veterinär- und Dopingkontrollen, was in der Freizeit- und Basisreiterei nicht der Fall ist. Und Hand aufs Herz: was ist für ein Pferd schlimmer, unter einem guten Reiter über einen Oxer von 150cm zu springen und sich dabei etwas anzustrengen, oder durch den Wald zu traben unter einem Reiter mit einer schlechten Hand und einem schmerzenden Rücken, welchen niemand erkennt? Wie in der ganzen Reiterei gelten natürlich ganz besonders im Spitzensport Werte wie Kompetenz, Respekt und Fairplay, die unabdingbar sind und die es zu bewahren gilt. Auch wenn im Spitzensport nicht alles Gold ist, was glänzt, mache ich mir persönlich mehr Sorgen um un- bzw. unterbeschäftigte Pferde bei unausgebildeten und unwissenden Reitern.

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Dies ist das Benutzerkonto von Daniela A. Caviglia, Chefredaktorin von Kavallo.

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