Distanzreiten: Individuelle anstatt fixe HF-Erholungswerte sinnvoller

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Neue Forschungsergebnisse: Erholungsherzfrequenz hängt von der Ruheherzfrequenz ab

Zur Studie

Beteiligte: Arno Lindner, Martina Esser, Ramón López, Federico Boffi; veröffentlicht in Animals, doi:10.3390/ani10010120 (2020) Relationship between resting and recovery heart rate in horses.

Hintergrund

Bei Distanzritt-Wettbewerben handelt es sich gemäss dem Reglement für Distanzreiten und -fahren um Ausdauerprüfungen für Pferde auf einer Geländestrecke von bestimmter Länge unter tierärztlicher Kontrolle. Diese Kontrolle findet vor, während und nach den Ritten statt und beinhaltet die Beurteilung von Herzfrequenz (HF), Kreislauf, metabolischem Zustand sowie Gangwerk. Pferde, die nicht reittauglich sind, werden vom Wettbewerb ausgeschlossen.

Das Pferd gilt als reittauglich, wenn es nach Meinung des Tierarztes die vor ihm liegende Strecke zurücklegen kann, ohne Schaden zu erleiden oder Schmerzen zu ertragen. Daneben fordert auch das Tierschutzgesetz, dass einem Tier keine Leistungen abverlangt werden dürfen, denen es wegen seines Zustandes offensichtlich nicht gewachsen ist oder die seine Kräfte übersteigen.

Die Regeln der Fédération Equestre Internationale fordern, dass Pferde, die je nach Klassifikation des Rittes nicht innerhalb einer bestimmten Zeit (20 bis 30 Minuten) nach Ankunft in festgelegten Untersuchungs- und Versorgungszonen (Vet Gates) eine bestimmte HF (maximal 56 bzw. 64 Schläge pro Minute) aufweisen, vom Rennen disqualifiziert werden, um eine Gesundheitsgefährdung der Tiere zu vermeiden. Die Veterinär-Kommission kann diese maximale HF bei extremen Bedingungen vor oder während des Wettkampfes niedriger ansetzen oder die Erholungszeit verkürzen, wenn spezielle Bedingungen dies notwendig machen.

Obwohl die HF nur eines von zahlreichen Kriterien zur Bestimmung des Gesundheitszustandes eines Pferdes während eines Distanzrittes darstellt, hat diese Regelung – auch wegen der einfachen und objektiven Messbarkeit – dazu geführt, dass die im Vet Gate gemessene HF häufig als wichtigster Faktor zur Beurteilung der Reittauglichkeit angesehen wird. Das hat zur Folge, dass Distanzpferde mittlerweile auf Grund niedriger Ruheherzfrequenzen (HFruhe) selektiert werden, davon ausgehend, dass sich bei diesen die HF nach Belastung schneller erholt (HFerholung). Diese Annahme ist bisher wissenschaftlich nicht untersucht worden. Zudem ist nicht bekannt, ob Pferde mit niedriger HFruhe eine bessere Ausdauer und Fitness aufweisen. Sollte eine Beziehung zwischen HFruhe und HFerholung bestehen, dann ist es vorstellbar, dass Pferde mit einer niedrigen HFruhe durch das beschriebene System ein höheres Risiko einer Gesundheitsschädigung haben, da metabolische Probleme später oder gar nicht erkannt würden. Ebenso könnten Pferde mit einer hohen HFruhe sportlich benachteiligt sein, da sie erst nach einer längeren Erholungszeit vorgestellt werden und somit auch erst später das Rennen fortsetzen können, obwohl ihre Fitness/gesundheitliche Eignung ebenso gut ist.

Aufgabe

In dieser Arbeit wurde die Beziehung zwischen der HFruhe und der HFerholung beim Pferd untersucht. Weiterhin wurde die Beziehung zwischen der HFruhe und der v4 geprüft, dem wichtigsten Parameter zur Einschätzung der Ausdauer von Pferden (Lindner, 2010; v4 = Geschwindigkeit bei der rechnerisch unter den gegebenen Testbedingungen 4 mmol/l Laktat im Blut sind).

Vorgehensweise

Für die Untersuchungen standen die sieben in Tabelle 1 näher charakterisierten Pferde zur Verfügung.

Tab. 1: Pferde des Versuchs

Pferd

 

Rasse

 

Geschlecht

 

Alter

(Jahre)

Grösse

(cm)

Körpergewicht

(kg)

1 Araber Stute 2 139 336
2 Araber/ Warmblut Stute 4 154 476
3 Araber Hengst 5 144 369
4 Anglo-Araber Stute 2 147 406
5 Araber Wallach 8 152 457
6 Araber Stute 3 148 370
7 Araber Wallach 3 146 330

 

Die Bestimmung der HFruhe erfolgte an drei Tagen innerhalb eines Zeitraumes von einer Woche morgens zwischen 7.30 Uhr und 9.30 Uhr vor der ersten Fütterung. Die Messung erfolgte telemetrisch mit Pulsmessuhren. Diese wurden an den Pferden fixiert und sobald die Uhr die HF anzeigte, wurde das Pferd in der Box bei möglichst störungsfreier Umgebung zwischen 10 und 15 Minuten alleine gelassen. Der Mittelwert der mittleren HF an den 3 Messtagen wurde als HFruhe verwendet.

Zur Bestimmung der HFerholung wurden die Pferde an fünf Tagen innerhalb von 2 Wochen 10 Minuten lang bei 3 Prozent Steigung und einer der folgenden Geschwindigkeiten auf einem Laufband belastet (3 Prozent entspricht der Belastung durch einen Reiter; Barrey et al 1993): 1,5, 3,5, 5, 6 und 7 m/s. Die Reihenfolge der Belastungen war zufällig. In der folgenden Woche liefen alle Pferde zusätzlich 60 Minuten bei 3,5 und 5 m/s. Auch die Reihenfolge dieser Belastungen ging nach dem Zufallsprinzip.

Für die Belastungen wurden die Pferde mit einem Gurt zur HF-Messung versehen. Die HFerholung wurde innerhalb von 30 Minuten nach den Belastungen gemessen. Die HF-Uhren zeichneten alle 5 Sekunden auf. Der jeweilige HF-Mittelwert in der 1ten, 5ten, 15ten und 30ten Minute nach Belastung wurde mit der HFruhe in Beziehung gesetzt.

Die v4 der Pferde wurde mit einem Stufenbelastungstest auf dem Laufband bestimmt.

Ergebnis

Sechzehn der 35 untersuchten Beziehungen zwischen Hfruhe und HFerholung waren statistisch signifikant. Es bestand keine signifikante Beziehung zwischen der HFruhe und der v4 der Pferde.

Schlussfolgerung

Die bei Distanzritten vorgegebenen Grenzwerte für die HF-Erholung und damit Verlassen der Vet Gates könnten bedeuten, dass Gesundheitsrisiken von Pferden mit einer niedrigen HFruhe nicht oder später erkannt werden als bei Pferden mit höherer HFruhe. Auf alle Fälle benachteiligen feststehende HF-Werte sehr wahrscheinlich Pferde mit einer höheren HFruhe, da sie trotz eines guten Fitnesszustandes später aus den Vet Gates kommen können als Pferde mit einer niedrigen HFruhe. Diese Arbeit weist zudem darauf hin, dass es keine Beziehung zwischen der HFruhe und der Ausdauer von Pferden gibt. Die Ergebnisse sprechen dafür, individuelle anstatt fixe HF-Erholungswerte einzuführen und so allen Pferden vergleichbare Bedingungen zum Verlassen der Vet Gates zu setzen.

Zitierte Literatur

Barrey E, Galloux P, Vallette JP, Auvinet B, Wolter R. Determination of the optimal treadmill slope for reproducing the same cardiac response in saddle horses as overground exercise conditions. Vet Rec 1993;133:183-185.

Lindner A. Relationships between racing times of Standardbreds and v4 and v200. J Anim Sci 2010; 88:950-954.

Autor

FFP e.V. Verein zur Förderung der Forschung im Pferdesport e.V.

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