Verhalten: 12/19

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Längst ist es nicht immer grobes Verhalten, das Pferde in die erlernte Hilflosigkeit bringt. Vielmehr sind falsche, inkonsequente und unpräzise Hilfen daran schuld, dass Pferde nicht ausführen, was wir von ihnen erwarten. Erlernte Hilflosigkeit ist aber nicht unumkehrbar – Pferde lassen sich aus dem Zustand zurückholen.

Aggressives Verhalten gegenüber dem Pferd ist in der Masterarbeit von Rebecca Kranz (KAVALLO 10/2019) das am meisten beobachtete Vergehen auf Abreitplätzen. Bei groben Szenen fragt man sich auch, was beispielsweise das Zügelreissen noch bewirken soll, obwohl das Pferd sein Kinn längst an die Brust presst. Was nur soll es noch tun, obwohl es dem Willen des Reiters längst nachkommt? Die Antwort darauf hat der amerikanische Forscher Martin Seligman mit dem Begriff der erlernten Hilflosigkeit schon vor 50 Jahren gegeben (s. Kasten). Seiner Theorie zufolge kann ein Tier wie ein Mensch lernen, in unangenehmen Situationen hilflos zu sein. Dabei geht es bei Schmerz davon aus, nichts mehr an seinem Zustand ändern zu können.
Kommunikation ist falsch
Der Ursprung der erlernten Hilflosigkeit liegt primär nicht in übermässiger Gewalteinwirkung. Das grundlegende Problem ist ein Kommunikationsfehler, der Hilfen für das Pferd unverständlich macht. Zumindest in der Theorie ist die Hilfengebung beim Reiten einfach zu verstehen: Ich gebe einen Impuls, mein Pferd reagiert in der gewünschten Weise, ich löse meine Hilfe. Soll mein Pferd also vorwärts geht, baue ich Schenkeldruck auf. Ein noch unerfahrenes Pferd findet diesen Druck vielleicht unangenehm und versucht, ihm auszuweichen. Es geht rückwärts, der Druck bleibt; es geht seitwärts, der Druck bleibt; es geht vorwärts, Druck löst sich. Das Pferd merkt: Durch Vorwärtsgehen kann es dem Schenkeldruck entkommen. Dieses Beispiel zeigt, wie das Tier lernt, konsequente Hilfengebung abzuschätzen. Es weiss, soll der Schenkeldruck verschwinden, muss es vorwärtsgehen. Zudem lernt es, dass mehr Druck kommt, wenn es nicht sofort reagiert.
Konsequenz heisst, dass jede Hilfe zur gewünschten Reaktion führt. Es bedeutet aber auch, dass wir auf eine unerwünschte Reaktion immer gleich reagieren. Also nicht einmal lachend darüber hinwegschauen und etwas anderes machen und beim nächsten Mal mit der Peitsche drauflos hauen. Je konsequenter wir mit unserer Hilfengebung sind, desto schneller verstehen unsere Pferde, was wir von ihnen erwarten. Ein konsequent gearbeitetes Pferd lernt, Hilfen ruhig und willig anzunehmen und mit der Zeit immer feiner darauf zu reagieren.
In der Praxis oft anders
So einleuchtend dieses Konzept erscheint, die Praxis zeigt oft ein anderes Bild. Die Ausgangsposition kann dieselbe sein: Der Reiter baut Schenkeldruck auf, das Pferd reagiert mit Vorwärtsgehen. Der eine Reiter löst darauf den Druck, ein anderer Reiter hört mit Drücken erst wieder in einer Pause auf. Dieses Verhalten jedoch verhindert, dass das Pferd die Hilfe versteht. Da der Druck durch das Vorwärtsgehen nicht verschwindet, lernt es nicht, richtig zu reagieren.
Der Unterschied der beiden Situationen liegt in der Kommunikation. In der ersten Situation wird durch das Lösen des Drucks klar signalisiert: Vorwärtsbewegung ist die erwünschte Reaktion. In der zweiten Situation verändert sich durch das Vorwärtsgehen des Pferdes nichts, es muss weiterhin denselben Druck ertragen. Der Druck wird unabhängig vom Verhalten des Pferdes irgendwann einmal gelöst. Damit verliert der Schenkeldruck an Wirksamkeit und das Tier lernt, auf diese Hilfe nicht mehr zu reagieren.
Leider geht es jedoch oft um einiges mehr als Schenkeldruck. Wenn Hilfsmittel wie scharfe Gebisse und Sporen zum Einsatz kommen, muss umso mehr darauf geachtet werden, dass unsere Kommunikation absolut klar verläuft. Bei schmerzvollen Reizen wie Sporendruck ist ein Pferd noch mehr darauf bedacht, zu entkommen. Bei präziser Hilfe kann das dazu führen, dass Reaktionen noch rascher erfolgen. Selbst ein brutaler Umgang muss noch nicht zur Verzweiflung führen, solange das Tier mit seinem Verhalten die Schmerzen beenden kann. Verheerend wird es, wenn ihm kein Ausweg geboten wird. Dann wird der Reiter zum hebellosen Strom-Apparat aus dem Experiment von Martin Seligman. Wenn minutenlang mit dem Sporen gestossen und am Zügel gerissen wird, obwohl die Pferdenase längst an die Brust gepresst ist, kann das zur erlernten Hilflosigkeit führen.
Vermeidbares Übel
Es gibt wohl verschiedene Gründe, wie es zu grobem und aus lerntechnischer Sicht absolut sinnlosem Verhalten kommen kann. Einer davon ist fehlende Selbstkontrolle, die bei angespannter Turnieratmosphäre häufig eintritt. Wie frustrierend ist es, wenn eine Übung einfach nicht klappen will? Wie oft wird dann am Pferd Dampf abgelassen. Aber eben: Das Pferd kann keinen Einfluss auf das Ende seiner Schmerzen nehmen, sondern muss alles aushalten, bis wieder Ruhe gefunden wird. Dabei kommt es jedoch auch auf die Häufigkeit an – wer einmal kurz die Fassung verliert, treibt sein Pferd nicht gleich in die Hilflosigkeit. Nur Reiter, die dauerhaft ihr Temperament nur schwer kontrollieren können und immer mit einem frustbasierten Bestrafungssystem arbeiten, sind der Gefahr der erlernten Hilflosigkeit ausgesetzt.
Der weitaus häufigere Grund ist jedoch Unwissenheit. Gewalt fängt eben da an, wo Wissen aufhört. Ziellose Hilfengebung ist vor allem bei Menschen zu beobachten, die keine bösen Absichten haben, es aber einfach nicht besser wissen. Immerhin ein tröstlicher Gedanke, denn was man nicht weiss, kann man noch lernen.
Seligman zeigte zudem, dass erlernte Hilflosigkeit kein unumkehrbarer Prozess ist. Wenn die liegenden, den Stromstoss erduldenden Hunde auf ihre Füsse gestellt und über die Trennwand geführt wurden, begannen sie zu lernen, dass sie eben doch selbst etwas an ihrer unangenehmen Lage ändern konnten, und sprangen später selber aus dem Apparat hinaus.
Zum Glück ist es bei den Pferden nicht anders. Selbst wenn sie alles als unumgängliche Schmerzen hinnehmen, ist noch nicht alles verloren. Mit Zeit, Geduld und Fachverstand lässt sich ein Pferd aus der erlernten Hilflosigkeit zurückholen.
Wie können wir aber vermeiden, dass es zur erlernten Hilflosigkeit überhaupt kommt? Am wichtigsten ist, dass mit einem klaren Ziel vor Augen gearbeitet wird. Bei jeder Hilfengebung genau wissen, was wir erreichen wollen. Dies ist umso wichtiger, je schmerzhafter die eingesetzte Hilfe ist. Mit einem klaren Ziel vor Augen lässt sich direkt reagieren, wenn die gewünschte Reaktion eintritt. Das zeigt dem Pferd, wie es eine unangenehme Hilfe beenden kann, wenn es das tut, was verlangt wird. Freilich haben wir uns immer wieder zu fragen, was Unwille und was Unverständnis ist. Einen Schritt zurück bringt oft mehr, als etwas erzwingen zu wollen.
Eine fokussierte Hilfengebung mit Lösen und Loben im richtigen Moment vermeidet  gelernte Hilflosigkeit und führt zugleich zum besten Lernresultat. Es ist die Basis für eine erfolgreiche Kommunikation mit dem Pferd als willigen Partner, der versteht, mitdenkt und vielleicht sogar mit Spass bei der Sache ist.

Entfliehen oder ergeben?

In einem brutalen Tierversuch hat der amerikanische Psychologe Martin Seligman bereits Ende der Sechzigerjahre die sogenannte erlernte Hilflosigkeit mit zwei Gruppen von Hunden erforscht. Im ersten Versuch wurden Hunde der Gruppe 1 in einen Apparat gesperrt, in dem ein Hebel installiert war. Der Hund im Apparat erhielt einen Elektroschock, den er durch das Ziehen des Hebels beenden konnte. Die Hunde lernten diesen Ablauf sehr schnell und zogen sofort am Hebel, wenn sie einen Stromstoss verspürten. Hunde der Gruppe 2 wurden ebenfalls in den Apparat gesperrt. Doch bei ihnen wurde der Stromstoss nicht beendet, wenn sie am Hebel zogen. Sie konnten also nichts unternehmen, um den Stromstoss zu unterbrechen.
Im zweiten Versuch wurden die Hunde in einen anderen Apparat gebracht. Dort wurden sie erneut einem Stromstoss ausgesetzt, dem sie entfliehen konnten, indem sie über eine kleine Trennwand in ein anderes Abteil sprangen. Die Hunde der Gruppe 1 lernten diese neue Prozedur sehr schnell. Die Hunde der Gruppe 2 jedoch, die im ersten Versuch nichts unternehmen konnten, um dem Stromstoss zu entgehen, machten gar keinen Versuch, der Qual zu entfliehen. Im Gegenteil – die Tiere legten sich hin und warteten winselnd auf das Ende des Stromschlags.


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