Wenn Reiten die Identität verleiht

Am 5. Juni läuft der Film THE RIDER in den Kinos der Deutschschweiz an. (Foto: zvg)

Atemberaubend sind die Bilder aus dem Pine Ridge Reservat in South Dakota.

Am 5. Juli startet der am Filmfestival von Cannes ausgezeichnete Film THE RIDER in den Kinos der Deutschschweiz. Der Festivalhit (Cannes, Sundance, Toronto und viele andere) wurde ausserdem mit dem Werner Herzog Filmpreis ausgezeichnet, der Mut, Entschlossenheit und Visionen honoriert. THE RIDER erzählt in atemberaubenden Bildern aus der Wildnis South Dakotas von zerbrochenen Träumen und verlorenen Identitäten. Authentisch und einfühlsam hält der mit Laiendarstellern gedrehte Film die Balance zwischen zärtlicher Poesie, archaischen Mythen und der rauen Lebenswirklichkeit in den Heartlands. Nach einem Rodeo-Unfall verbieten die Ärzte dem jungen Cowboy Brady Blackburn die weitere Teilnahme an Wettkämpfen. Der angehende Star stürzt in eine Identitätskrise, da er sich komplett über seinen Beruf definiert. Mit Gelegenheitsjobs und als Pferdeflüsterer versucht er sich eine neue Existenz aufzubauen. Aber die Liebe zum Reiten ist zu stark: Er unternimmt trotz körperlichen Behinderungen bald wieder lange Ausritte, die ihm das sehnlichst vermisste Gefühl von Freiheit zurückgeben. Und eines Tages entschliesst sich Brady, wieder bei einem Wettkampf anzutreten... Eindrücklich sind schon die ersten Eindrücke von THE RIDER.

Wie es zum Film kam
Beim Dreh zu ihrem Debütfilm SONGS MY BROTHER TAUGHT ME im Pine Ridge Reservat in South Dakota lernte Chloé Zhao 2014 Brady Jandreau kennen, einen Nachkommen von Lakota-Sioux. Sie war beeindruckt von dem jungen Cowboy mit dem empfindsamen Gesicht, der sich als wahrer Pferdeflüsterer herausstellte. Zhao nahm sich vor, Jandreau in ihrem nächsten Film zu besetzen, hatte allerdings noch keine Vorstellung, worum es in diesem gehen sollte. Im April 2016 erlitt Jandreau lebensgefährliche Verletzungen, als ein Pferd beim Rodeo auf seinen Kopf trat. Eine Metallplatte musste ihm in den Kopf gesetzt werden und er lag mehrere Tage im Koma, doch schon ein paar Wochen später begann er gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte wieder zu reiten. Zhao traf sich mit ihm und fragte: «Warum tust du das?», und er antwortete: «Weil ich an meiner Identität festhalten muss.» Zhao erkannte, dass Jandreau jeden Tag sein Leben riskierte, um der zu bleiben, der er ist, und sie hatte den Stoff für ihren Film. Im August 2016 schrieb sie ein 60-seitiges Drehbuch, das bis auf wenige Änderungen Jandreaus Erlebnissen entsprach. Der 20-Jährige spielt eine leicht fiktionalisierte Version von sich selbst, an seiner Seite agieren seine Familie, seine Freunde und andere Mitglieder der Lakota-Community. So sieht man im Film u.a. auch Jandreaus besten Freund Lane Scott, einen ehemals sehr erfolgreichen Rodeo-Champion, der seit einem Autounfall (im Film ist es ein Rodeo-Unfall) körperlich schwer behindert in einem Pflegeheim wohnt – fast vollständig stumm, lediglich in der Lage, über Zeichensprache zu kommunizieren. Der Dreh fand im September 2015 in Jandreaus Heimat, dem Pine Ridge Reservat, statt. Das Drehbuch diente lediglich als Gerüst, das Zhao ihre Darsteller bat, mit eigenen Worten und Improvisationen aufzufüllen. Da Jandreau vormittags seiner regulären Arbeit als Pferdetrainer nachging, fand der Dreh fast ausschließlich nachmittags und abends statt. Das Drehteam bestand lediglich aus fünf, zeitweise sogar nur vier Personen.

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