Der «Kentaurische Pakt» hält noch immer

Welch hohe emotionale Bindung zum Pferd auch noch in einer motorisierten und digitalisierten Welt besteht, zeigt das mediale Echo auf das Trauerspiel über die Hefenhofener Pferde. (Foto: zvg)

Der Fall Hefenhofen habe, antwortet die Thurgauer Regierung auf politische Vorstösse, eine «noch nie erlebte politisch-mediale Eigendynamik entwickelt», auf die man nicht vorbereitet war. Erstaunt über das mediale Echo, das die vernachlässigten Hefenhofener Pferde auslösten, kann eigentlich nur der sein, der wenig oder gar nichts vom «Kentaurischen Pakt» weiss, wie er vom Historiker Ulrich Raulff in seinem Buch «Das letzte Jahrhundert der Pferde» erklärt wird. Darin schreibt er unter anderem: «Das grausame Dreieck der Pferdequälerei – rohe Kutscher, fühllose Passanten und die stumm leidende Kreatur – existiert noch immer. Nur sind die Medien verändert und die Positionen anders besetzt; an die Stelle des Kutschers ist der Pferdehändler getreten, und der achtlos vorbeigehende oder neugierig hinschauende Passant bewegt sich nicht mehr auf der Strasse, sondern im Netz, zum Beispiel auf Youtub.» Obwohl das Pferd seit einem halben Jahrhundert aus dem Alltag verschwunden ist, von seiner geradezu mystischen Verbindung zum Menschen scheint es nichts verloren zu haben. Über die Pferde von Ulrich K. erschienen tagtäglich neue Meldungen, die nicht weniger bemitleidenswerten  Schweine, Rinder und Hühner waren dagegen kaum eine Zeile wert.
Der Thurgauer Regierungsrat will aus dem Fall nun Lehren ziehen und sich demnächst in einem Seminar mit Krisenmanagement und -kommunikation im heutigen Umfeld befassen. Fehler räumt die Regierung bei der Kommunikation ein. Die Krise sei zu spät erkannt worden. Deshalb seien «aggressive Forderungen» von Tierschutz-Organisationen verbunden mit einem «teilweise reisserischen Journalismus» phasenweise zu einer Medienkampagne eskaliert, schreibt die Regierung. Wichtigste Gegenmassnahme, um den Image-Schaden aufzuarbeiten, sei das Einsetzen der Untersuchungskommission, welche Ende Jahr erste Ergebnisse vorlegen soll. Der Schlussbericht solle öffentlich publiziert werden, um das Vertrauen in den Kanton Thurgau und seine Behörden wieder zu stärken, heisst es in der Antwort der Regierung.
Dass nach der Räumung des Hofs in Hefenhofen und in der Zeit bis zum ersten Verkauf im Armeekompetenzzentrum Sand Fehler um Fehler passiert waren, lässt sich unter Berücksichtigung des Ausmasses in diesem Fall mit über 90 Pferden teilweise noch entschuldigen. Dass der Thurgau aber beim 2. Akt in diesem Trauerspiel, sich gleich nochmals ins Abseits schoss, war völlig unverständlich. Denn kaum war die Überführung und der Verkauf der 40 Alppferde mitgeteilt worden, folgte eine knappe Stunde später das Dementi. Zuerst seien die gegen Verkauf eingegangenen Rekurse zu erledigen, wurde als Begründung abgegeben. Nun aber scheint dem Verkauf der Pferde nichts mehr im Weg zu stehen: Am kommenden Mittwoch, 11. Oktober, erfolgt die Versteigerung der restlichen Pferde ohne Preislimite nach oben.

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