Von: Dr. med. vet. Stéphane Montavon

Praxis: 3/19

Doping | Wenn die Null-Toleranz zur Farce wird

Die Gefahr einer unbeabsichtigten Kontamination reitet mit, was auch Harry Charles an der EM erleben musste und beide Goldmedaillen verlor. Foto: zvg

Die FEI bleibt beim Doping mit der Null-Toleranz in der ausgetretenen Spur – zum Nachteil des Pferdesports. Foto: Valeria Streun

Pferdefutter ist schon seit Jahren immer wieder der Grund für einen positiven Dopingbefund. Foto: zvg

Vorsicht geboten ist auch bei Salben und Cremen für Menschen: Die Nachweismethoden der Labors sind heute so fein, dass auch unbeabsichtigte Berührungen ausreichen. Foto: zvg

Doping ist untolerierbar. In diesem Punkt sind sich alle einig, weil positive Fälle besonders im Pferde-­ sport auch zu schwerem Image- schaden führen. Bei der angewandten Null-Toleranz-Regelung von verbotenen Substanzen ist allerdings Handlungsbedarf angezeigt, weil sich der Pferdesport damit lächerlich macht.

Die Nachricht einer positiven Probe erregt im Pferdesport grosse Aufmerksamkeit, vor allem, wenn es sich um das Umfeld einer grossen Meisterschaft handelt. So führte die Bekanntgabe der Disqualifikation des jungen Briten Harry Charles bei den letzten Nachwuchs-Europameisterschaften Springen in Fontainebleau zum Verlust seines Titels und seiner Goldmedaille. Gleichzeitig verlor auch das britische Young-Rider-Team Medaillen und Titel. Die Welt des Pferdesports war erneut stark erschüttert.
Verschiedenen Pressemitteilungen haben wir entnehmen können, dass Lidocain (ein in der Veterinär- wie in der Humanmedizin bekanntes Anästhetikum) die verursachende Substanz war. Es handelte sich bei der Kontamination um eine Lidocain-basierte Creme, die von einem an Krebs erkrankten Menschen verwendet wurde. Mit der Creme wurde das Pferd jedoch nicht absichtlich in Kontakt gebracht. Das i-Tüpfelchen in der Geschichte ist zudem, dass die Kontrolle nach dem Nationenpreis vom Freitag positiv war, diejenige aber nach dem Sieg in der Einzelwertung vom Sonntag, als eine erneute Kontrolle durchgeführt wurde, negativ! Darüber kann sich jeder selber ein Urteil fällen, der Entscheid der Disqualifikation stützt sich auf diese Elemente und Kenntnisse ab.

Verlierer sind alle
Das Image des Pferdesports ist damit erneut beschädigt. Wohl sprechen wir in den Medien über Doping. Was aber soll ein Laie darunter verstehen, wenn man ihm erzählt, dass ein Sportpferd mit Heu, etwas Hafer und Wasser gefüttert wird? Die Fédération Equestre Internationale FEI als oberste Hüterin des Pferdesports verfolgt eine «Kopf in den Sand stecken»-Politik und praktiziert die Regel der Null-Toleranz, obwohl diese absolut veraltet und völlig absurd ist. Dieses Verhalten führt den Pferdesport jedoch in eine Sackgasse und dürfte ihn zugrunde richten.
In den vergangenen Jahren wurde ich in mehreren Fällen als unabhängiger Experte beigezogen. Der Zweck dieser Interventionen bestand darin, die Situation zu analysieren, um die wirklich wichtigen Fragen stellen zu können. Nun liegt es an der Politik der nationalen Verbände und der FEI, endlich eine an die Realität des Leistungssports angepasste Regelung zu erlassen, weil wir alle einen «sauberen» Sport wollen, bei dem das Wohl des Pferdes im Mittelpunkt steht.

Doping zuerst im Rennsport
Der Begriff «Doping» stammt aus dem 17. Jahrhundert, als 1650 eine erste Anti-Doping-Regelung eingeführt wurde. In der Rennwelt finden wir in der Tat die ersten Beschreibungen verbotener Substanzen, welche die Leistungsfähigkeit eines Pferdes erhöhen konnten. 1752 wurde Doping vom Jockey Club in England offiziell verboten. 1910 findet man die ersten Spuren von Alkaloiden im Speichel und die ersten Tests werden vorgestellt.
Die Verwendung von Alkaloiden nimmt zu. Auch die menschliche Sportwelt mit allen Skandalen ist davon betroffen. In der Pferdewelt hat jeder Verband seine eigenen Regeln. So gibt es heute eine Vielfalt von Vorschriften, die nicht immer auf denselben Grundsätzen basieren. Die kontinentalen Unterschiede dieser Bestimmungen sind ebenfalls sehr gross und insbesondere von der Ethik des jeweiligen Landes abhängig. Bei den FEI-Disziplinen kam es zu vielen verschiedenen Versionen während der Entwicklung der Vorschriften, wobei wir in deren Verlauf auch extravagante Fälle miterlebt haben!

Auf und ab mit «Bute»
Beispielsweise wurde «Bute» (Phenylbutazone) in FEI-Disziplinen mit einer Gabe von einem Gramm pro Tag, meistens in Form von Pulver, toleriert. 1987 wurde «Bute» jedoch ganz verboten. Im Jahr 2009 wurde versucht, dieses wirksame entzündungshemmende Mittel wieder einzuführen, weil es speziell für den Bewegungsapparat des Pferdes ist. Zudem ist «Bute», wenn es richtig dosiert ist, auch langfristig wenig toxisch. Die Wiedereinführung wäre jedoch ein falsches Signal gewesen. Heute kommt die Wiedereinführung nicht mehr zur Sprache, aber «Bute» wird in der Pferdepraxis immer noch stark verwendet.
Im Pferdesport kam es in den 1980er-Jahren zu vielen positiven Fällen mit Aromen, die dem Futter beigemischt wurden. Die Substanzen Koffein, Theophyllin und Theobromin, die insbesondere in Kakaoabfällen enthalten sind, waren in vielen als Doping behandelten Skandalen beteiligt und wurden als stimulierend angesehen. Die therapeutische Wirkung dieser Lebensmittelaromen war praktisch gleich null, aber der Imageschaden war enorm.
Der Fall von Eric Navet und seinem Hengst Quito de Baussy, Weltmeister im Springen 1990 in Stockholm bei den Weltreiterspielen, bleibt auch in Erinnerung. Nach einer positiven Kontrolle, die einen zu hohen Kortisol-Wert aufwies, wurde Navet disqualifiziert. Zehn Jahre später wurde dieser Entscheid mit all den Beweisen für die Disqualifikation für nichtig erklärt. Man hatte damals noch nicht gewusst, dass die Nebennieren eines Hengstes mehr Kortisol produzieren als die Nebennieren eines Wallachs oder einer Stute! Die Rehabilitation belegte zehn Jahre später, dass ein riesiger Imageschaden für einen grossen Reiter und für den Pferdesport entstanden war.
Viel Aufsehen haben auch weitere Substanzen erregt. Theobromin, Kampfer, Ingwer, Baldrian und Teufelskralle (Harpagophytum) zählten zeitweise als verbotene (positive) Sub-stanzen, dann waren sie wieder erlaubt (negativ), um zum Schluss wieder als verboten aufgeführt zu werden.
Diese zahlreichen Beispiele zeigen zum einen den Mangel an einer klaren Strategie und zum anderen, dass unsere Organe nur reagieren anstatt zu agieren. Kurz gesagt, zu Beginn jedes Jahres sollte die Liste der verbotenen Substanzen überarbeitet werden, um die neuesten Änderungen zu erfassen. Das ist zwingend notwendig! (www.feicleansport.org)

Der Begriff Null-Toleranz
Bereits 1993 tauchte der Begriff der Null-Toleranz auf. Für die FEI ist und bleibt es ein Konzept, das einfach anzuwenden und vor allem rechtlich einfach zu verwalten ist. Es bedeutet schwarz oder weiss, schuldig oder nichtschuldig. Der Nachweis in den Labors war damals noch nicht sehr fein. Die Detektionszeiten einer Substanz unterschieden sich zudem nicht so sehr von ihren Wirkungszeiten. Kurz gesagt, die Null-Toleranz-Theorie war die ideale Strategie.
Seitdem haben sich die Zeiten geändert, die Labors finden kleinste Spuren. Auf der anderen Seite haben sich die Vorschriften wie die Null-Toleranz-Theorie wenig verändert. Heute werden Konzentrationen in der Grössenordnung von Nanogramm (10–9), Picogramm (10–12) und sogar Femto-Gramm (10–15) nachgewiesen. Bildlich dargestellt heisst das: Von einem Wassertropfen, der in Villeneuve am östlichen Ende des Genfersees in den See gefallen ist, könnten wir wieder Spuren davon am westlichen Ende des Sees in Genf unter der Mont-Blanc-Brücke finden! Wie paradox das ist, wird sich in Kürze zeigen, wenn ein Labor die Konzentration im Atto-Gramm Bereich (10–18) nachweisen kann. Dies entspricht der Avogadro-Zahlengrenze, unterhalb derer ein Molekül physisch nicht mehr existiert!
Der Pferdesport hat bereits heute mit der momentanen Regelung der FEI zu kämpfen, weil sich die folgende Frage nicht beantworten lässt: Wie ist mit einer Substanz mit einer Konzentration in Nano- oder Picogramm-Grösse umzugehen? Insbesondere, wenn keine pharmakologische Wirkung mehr besteht, aber noch messbar ist? Was ist hier zu tun, wie wird diese Messung interpretiert?
Die FEI aber bleibt ihrer Linie treu und weist darauf hin: Das Vorhandensein eines auf der Liste der verbotenen Substanzen aufgeführten Stoffes führt zur Disqualifikation, was zur Sperre und einer hohen Geldstrafe führen kann. Schwierig ist es, der für das Pferd verantwortlichen Person zu erklären, wie und in welchen Mengen die verbotene Substanz nachgewiesen wurde. Der Pferdesport macht sich damit lächerlich und verliert die Glaubwürdigkeit! Regelungen können nur dann wirksam und glaubwürdig sein, wenn sie der Realität entsprechen. Momentan sind wir weit davon entfernt.

Im zweiten Teil des Artikels wird Stéphane Montavon die Unterschiede zwischen Doping, Medikation und Kontamination beleuchten. 

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