Von: Tamara Wülser

Kavallino: 1-2/19

Highschool-Abschluss dank Pferden

Stolz trägt Isaiah das T-Shirt der «The Pony Express»-Farm.

Gespannt warten Regisseurin Jolanda Ellenberger (li.) und ihre Akteurinnen auf die Film-Premiere in Kalifornien.

Von der Partnerschaft profitieren beide Seiten – Jugendliche finden einen Freund, die Pferde eine Bezugsperson.

John und Cooper – zwei, die sich auf der Farm gefunden haben.

Verlassene Pferde und adoptierte Kinder scheinen auf den ersten Blick eine unpassende Kombination zu sein. Doch hier sind Parallelen zu erkennen, wie Regisseurin Jolanda Ellenberger in ihrem neuen Film aufzeigt.

Auf der Pony-Express-Farm von Linda Aldrich finden Pferde, die niemand mehr haben will, ein neues Zuhause. Regel­mäs­sig kommen Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten auf den Hof und helfen bei den anfallenden Arbeiten mit. «Meist sind es Jugendliche, welche als Kind adoptiert wurden, denen die Wurzeln und der Halt im Leben fehlen», erklärt Jolanda Ellenberger. «Adoptierte Kinder haben meist das Gefühl, dass niemand sie haben wollte. Bei geretteten Pferden ist das oft ähnlich.» Die Regisseurin begleitete vier Jugendliche auf der Farm. Ihr Dokumentarfilm «High-Sensitive Youth In The Horse-Heart-Space» kommt 2019 in die Schweiz. Linda Aldrich spürt jeweils, welches Pferd gut zum Jugendlichen passt und oftmals suchen die Pferde sich die jungen Menschen auch selber aus. Danach bleibt das jeweilige Pferd mit der jungen Bezugsperson für längere Zeit zusammen. «Häufig haben diese Kinder Mühe zu sprechen und ihre Gefühle auszudrücken», so Ellenberger. Bei den meisten Therapien mit Pferden werden solche Kinder mit Fragen gelöchert und übertherapiert, nicht so auf der Ranch von Linda. Sie überlässt den Pferden die therapeutische Arbeit. Die Kinder können mit den Pferden Bodenarbeit machen oder spazierengehen und ihnen dort ganz im Vertrauen ihre Pro­bleme erzählen, ohne dass eine andere Person zuhört. Falls sie möchten, dürfen sie auch Linda davon erzählen, das ist aber kein Muss.

Gleiches Leid verbindet
Das Spannende an der Sache: Oftmals ziehen sich Kinder und Pferde mit gleichen Traumata an. Ungewollte, „weggeworfene“ Pferde und zur Adoption freigegebene Kinder harmonieren besonders gut. «Wenn die Jugendlichen im Film erzählen und die Pferde danebenstehen, hat man oft das Gefühl, die Augen der Pferde erzählen mit und fühlen, was gesagt wird.»
Ob ein Mensch und ein Pferd miteinander kommunizieren können, hängt auch mit der Herzfrequenz zusammen. «Ein Pferd strebt eine möglichst tiefe Herzfrequenz an, je besser wir uns dieser anpassen, desto besser kommunizieren wir mit dem Pferd.» Dies zeigt Jolanda Ellenberger in ihrem Film mit wissenschaftlichen Messungen vom HeartMath Institute in Kalifornien auf. Kinder haben meist eine tiefere Herzfrequenz als Erwachsene, sie entscheiden eher aus dem Bauch heraus als aus dem Kopf. Daher kommen Jugendliche mit schwierigen Pferden vielfach besser klar als Erwachsene, die zu viel mit dem Kopf denken und ihr Bauchgefühl ignorieren.

Freundschaft und Zugehörigkeit
Sowohl Jugendliche als auch Pferde haben den Wunsch nach einer Bezugsperson. Arbeiten die Jugendlichen immer mit dem gleichen Pferd, entsteht eine tiefe Freundschaft, die das Gefühl der Verlassenheit auflöst. Die Jugendlichen haben einen grossen vierbeinigen Freund und die Samtnasen eine Bezugsperson, nach der sie sich ausrichten können. Die Jugendlichen lernen so, was Freundschaft und Zugehörigkeit bedeutet. Sie können auf der Farm eine Art Familie bilden mit den anderen Jugendlichen. Sie lernen dort auch mitzuarbeiten und Verantwortung zu tragen.
Vier Jugendliche erzählen im Film über ihr Leben und die Arbeit auf der Ranch. Die meisten würden am liebsten 24 Stunden am Tag bei ihrem Pferd bleiben. Seit 38 Jahren bietet Linda diese Form der Therapie an. Das Tolle: Bisher haben alle Jugendlichen, die oft zuvor nicht einmal zur Schule gingen, durch die Hilfe der Pferde und Linda die Highschool geschafft und einen Abschluss gemacht. «Dass ich die Weltpremiere des Films mit den Jugendlichen gemeinsam in Kalifornien Anfang November erleben konnte», freut Jolanda Ellenberger besonders. Cassandra, eine der Jugendlichen, kam nach der Premiere sogar auf die Bühne und erzählte, was man als Adoptivkind fühle. Obwohl sie sehr tolle Adoptiveltern habe, sei immer auch der Wunsch da, die richtigen Eltern zu kennen. Das ist nicht nur für sie schwierig, sondern häufig auch für die Adoptiveltern.

Hochsensible Menschen
Ein weiterer Punkt, der im Film beleuchtet wird, sind hochsensible Menschen. Sie reagieren auf Einflüsse der Umwelt oder auch auf nonverbale Kommunikation viel stärker. Mit einer jungen Frau, welche hochsensibel ist und sonst nicht mit Pferden arbeitet, machte Jolanda Ellenberger Filmaufnahmen. Gleichzeitig wurde die Herzfrequenz der Frau gemessen. «Es ist erstaunlich, was Pferde auslösen und in uns berühren können.» Bei diesen Messungen ging es Ellenberger auch darum, einen wissenschaftlichen Rahmen für die Pferdetherapie zu schaffen, welcher den emotionalen und energetischen Aspekt erklären kann: «Das Energetische wird oft als Hokuspokus und Scharlatanerie abgetan. Doch sämtliches Leben besteht nun einmal aus Energie.»
Weiter wird im Film auch die Herde von Sara Willerson gezeigt. Sie ist Psychologin und nimmt traumatisierte Pferde bei sich auf, die niemand mehr haben will. Das Schwierigste an der Arbeit mit diesen Pferden ist, dass Traumata nie mehr ganz aus dem Gedächtnis gelöscht werden können. Allerdings kann man den Pferden positive Erlebnisse geben und bei ihnen wieder Vertrauen aufbauen – eine Parallele, die gerettete Pferde mit den Adoptivkindern teilen.

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