Von: Peter Jaeggi

Dossier: 1-2/19

Pferdischer Leerlauf oder sinnvolle Bewegung?

Laufbänder sind für Pferde ein Zusatz und kein Ersatz für die nötige Bewegung.

Für Tierärztin Alessandra Ramseyer sind Laufbänder in der Rehabilitation ein willkommenes Gerät, weil sich damit die Bewegungsdauer unter gut kontrollierbaren Bedingungen steuern lässt.

Zu Forschungszwecken werden die Pferde auf dem Laufband in der Abteilung Sportmedizin am Tierspital Zürich in höheren Gangarten laufen gelassen und ihre Bewegungen präzise ausgemessen. Foto: Ernst Kehrli, Universität Zürich

Wasserlaufbänder dienen primär der Rehabilitation.

Wer sein Pferd auf ein Laufband stellt, tut gut daran, das Verhalten zu beobachten.

Damit Laufbänder keinen Schaden anrichten, sind sie auf den individuellen Bewegungsablauf eines Pferdes einzustellen.

Gehen und Traben, ohne einen einzigen Schritt vorwärts zu kommen, und den Blick gegen eine Wand gerichtet. Wie sinnvoll ist es, Pferde auf ein Laufband zu stellen?

Die Pferde auf einer Wiese laufen und grasen zu lassen, scheint Pferdebesitzerinnen und -besitzern oft ein zu grosses Risiko. Pferde seien derart teuer, dass man sie keinem Verletzungsrisiko aussetzen könne. So bietet das Laufband aus ihrer Sicht eine sichere und sinnvolle Bewegung. Petra Ohnemus, Leiterin der Pferdeklinik an der Rennbahn im deutschen Iffezheim am Oberrhein, ist da anderer Meinung: «Pferde stundenlang auf dem Laufband zu bewegen, halte ich für äusserst fragwürdig. Das Gehen auf dem Laufband entspricht in keiner Weise der natürlichen Bewegung eines Pferdes.» Ist das Laufband neben dem Reiten mit dem Sattel die einzige Bewegung, sei dies mit dem Tierwohl nicht vereinbar. Hingegen könne das Laufband, so die Tierärztin, therapeutisch und in der Forschung sehr nützlich sein. Ohnemus nennt in diesem Zusammenhang die Rekonvaleszenz nach orthopädischen Erkrankungen oder nach Operationen sowie die Inhalation bei einer Bronchitis. Inhalationen seien wirksamer, wenn sich das Tier dabei bewege.
Auch im Schweizer Nationalgestüt in Avenches, dem Pferdekompetenz- und Forschungszentrum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, sind Laufbänder primär Heilbänder. Die dort eingebettete Klinik des ISME, des Schweizerischen Institutes für Pferdemedizin, braucht die Maschinen primär als wertvolle Forschungs-, Therapie- und Rehabilitationshilfen. ISME-Tierärztin und Pferdeforscherin Alessandra Ramseyer nennt als Beispiel Verletzungen an Sehnen und Bändern der Extremitäten. Um die volle Funktionsfähigkeit wieder zu erreichen, müsse das Tier während Monaten regelmässig in einer bestimmten Weise bewegt werden. «So kann man die Bewegungsdauer unter gut kontrollierbaren Bedingungen allmählich ausdehnen.» Schliesslich spiele das Band auch in der Pferdesportmedizin eine wichtige Rolle. Zeige ein Pferd ein Leistungstief, könne dies auf eine mangelnde Sauerstoffversorgung des Organismus hindeuten. Lungen- und Herzfunktion werden dann auf einem Laufband mit variabler Geschwindigkeit (bis zu 60?km/h) sowie veränderbarer Steigung kontrolliert.

Was geschieht daneben?
Christa Wyss ist Agrar-Ingenieurin ETH und arbeitet beim SNG als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Wenn jemand sein Pferd täglich eine Stunde aufs Laufband stelle, so die Expertin, sei die Frage erlaubt: «Was geschieht in den übrigen 23 Stunden? Gewährt man dem Tier darüber hinaus auch die so wichtige freie Bewegung?» Denn Bewegung auf dem Laufband sei gezielt gesteuert, es erlaube dem Tier nicht, sich natürlich zu verhalten und zu wählen, in welcher Geschwindigkeit es sich fortbewege. «Pferde müssen sich viel bewegen können.» Deshalb kann das Laufband das Training eines Pferdes ergänzen. Zwar keine optimale Lösung, doch besser als gar nichts.
Natürlicherweise bewegen sich Pferde vor allem im Schritttempo, um Futter aufnehmen, deswegen gehöre das Fressen auf einer Wiese zum natürlichen Verhalten, sagt Christa Wyss. Wenn ein Pferd überwiegend in einer Boxe gehalten werde, dann zwei Stunden lang Auslauf in einer Koppel bekomme und ergänzend eine Laufband-Stunde, entspräche dies zwar der Minimalanforderung der schweizerischen Tierschutzverordnung. Wenn also jemand Pferde gesetzeskonform hält, heisst dies nicht zwangsläufig, dass die Haltung auch dem optimalen Tierwohl entspricht.

Leider keine Kurse
Kein gewöhnliches Laufband, sondern ein therapeutisches Wasserlaufband (s. unten) setzt die Pferdeklinik Niederlenz ein. Zum Trockenlaufband sagt der leitende Tierarzt Theo Tschanz, dass die Tiere, wenn sie nur aufs Laufband gebracht würden, um danach wieder im Stall oder in der Koppel abgestellt zu werden, dann sei dies ein Unsinn. «Wer sich nicht leisten kann, Leute zum Ausreiten anzuheuern, soll mit der Pferdehaltung aufhören.»
Natalie Niquille, Zuger Tierphysiotherapeutin und Pferdeverhaltenstherapeutin mit langjähriger Erfahrung und eigener mobiler Praxis, ist eigentlich für das Pferdelaufband. Vor allem in der fachlichen Therapie. Manchmal sei das Band auch sinnvoll zum Aufwärmen vor und Abkühlen nach dem Reiten. Sie arbeitet auf dem Band stets nur im Schritttempo zum gezielten Aufbau der Muskulatur. Was hingegen auch Natalie Niquille nicht gut findet: das Laufband als Reitersatz. «Aufs Laufband und dann zurück in Stall oder in die Koppel ist ein No-Go. Das Pferd ist ein Bewegungstier. Deshalb bitte Pferde bewegen ohne Laufband!» Dazu reichten auch ausgedehnte Spaziergänge. Bewegungsmangel mache krank. Wenn ein Laufbandeinsatz, dann «nur mit fachlicher Betreuung, um einen korrekten Einsatz zu gewährleisten.» Allerdings gibt es einen Haken. Experten des Schweizer Nationalgestüts bedauern nämlich, dass Laufbänder ohne Anleitung zu deren korrektem Einsatz verkauft werden. Dies könne zu Fehleinsätzen führen und dazu, dass das Laufband für das Pferd zum Stressfaktor werde. Alessandra Ramseyer sagt dazu: «Auf dem Laufband muss man den Bewegungsablauf des Pferdes gut beobachten und die Geschwindigkeit und die Steigung dem Tier anpassen und laufend wieder überprüfen.» Das Pferd müsse den Viertakt im Schritt halten und dabei eine klare Abfussung zeigen. Entscheidend ist zudem, dass die Oberfläche nicht so beschaffen ist, dass der Huf quasi daran «kleben» bleibt, weil es sonst in den Gelenke zu unnatürlichen Bewegungen komme.

Wenn der Boden wegrollt
Es braucht keine grosse Fantasie, um sich vorzustellen, dass Gehen auf einem sich permanent bewegenden Untergrund unnatürlich ist. Erst recht, wenn einem der Boden über längere Zeit quasi unter den Füssen weggezogen wird. Diese Erkenntnis macht Barbara Welter-Böller zu einer pointierten Kritikerin von Pferdetretmühlen. Welter-Böller leitet im deutschen Overath die Fachschule für osteopathische Pferdetherapie. Ein Laufband erzeuge im Bein des Tieres unnatürliche und somit schädliche Bewegungen. «Laufbänder erschweren die natürliche Stemm- und Abfussungsphase», sagt die Fachfrau. Auf dem Laufband würden physiologische Prozesse behindert. Das Pferd müsse auf dem Laufband deutlich mehr Muskelkraft einsetzen als normalerweise. Barbara Welter-Böllers Fazit: «Laufbänder können deshalb eher verschleissfördernd sein statt schonend. Bei gesunden Pferden ohne Stellungsprobleme rate ich vom Laufband ab.»
Dass Laufbänder im Sinne von Barbara Welter-Böller gesundheitliche Schäden verursachen könnten, sei wissenschaftlich nicht untermauert, sagt die Veterinärin Alessandra Ramseyer von der Pferdeklinik ISME. Denn es gibt bis heute keine einzige wissenschaftliche Studie über allfällige Langzeitschäden von Laufbändern. Meinungen zum Pferdelaufband sind deshalb teilweise eher Glaube denn Wissen. Klar scheint nur: In Therapie und Rehabilitation spielen sie eine wichtige Rolle. Ein Laufband als Bewegungsersatz hingegen ist nicht pferdegerecht.

Laufband ist nicht gleich Laufband

- Trockenlaufband
Das Trockenlaufband gibt es in verschiedenen Ausführungen. Sogenannte Landlaufbänder dienen der Bewegung von Pferden und manchmal auch der Rehabilitation. Normale Laufbänder werden in der Regel in Schrittgeschwindigkeit gebraucht. Es gibt Maschinen, die sich regulieren lassen. Die Geschwindigkeit dieser Maschinen lässt sich individuell anpassen, bestimmte Modelle erlauben es auch, das Pferd im Trab zu bewegen. Bei den meisten Laufbändern lassen sich zudem verschiedene Steigungen einstellen und die Geschwindigkeiten sind regulierbar. Maximal erreichen solche Bänder eine Trabgeschwindigkeit von höchstens 20 bis 25km/h.

- Hochgeschwindigkeitslaufband
Das Hochgeschwindigkeitslaufband kann Geschwindigkeiten von über 60km/h erreichen. Dies entspricht der Geschwindigkeit eines Vollblüters auf der Rennbahn. Es gibt in der Schweiz nur zwei Laufbänder dieses Typs; das eine befindet sich im ISME im Nationalgestüt Avenches, das andere in der Abteilung Sportmedizin an der Universitäts-Pferdeklinik in Zürich. Diese Geräte dienen laut dem ISME ausschliesslich Forschungs- und Diagnostikzwecken – etwa, um die Grenzen von Vitalfunktionen wie Herzfrequenz und Lungenkapazität sowie Gang-Parameter zu messen.

- Wasserlaufband
Das Wasserlaufband läuft in einem mit Wasser gefüllten Container mit regulierbarer Wasserhöhe. Am Boden bewegt sich das Laufband. Es dient primär der Rehabilitation. Wasser ermöglicht eine etwas geringere Belastung der Beine und wirkt abfedernd. Deshalb ist es zum Beispiel in der späteren Phase nach einem chirurgischen Eingriff oder einige Zeit nach einer Fraktur zum gezielten Muskel-Wiederaufbau geeignet. Andere Indikationen sind Sehnen-, Bänder- und Rückenprobleme. Verschiedene wissenschaftliche Studien zeigen, dass durch die Bewegung mit dem Wasserlaufband die Rückenmuskulatur positiv beeinflusst und gekräftigt wird. Zum Muskelaufbau auf einem gewöhnlichen Laufband sagt die Pferde-Veterinärin Petra Ohnemus: «Das funktioniert nicht wirklich gut, da auf dem Laufband der Widerstand fehlt; zudem werden häufig die falschen Muskeln trainiert.»

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